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So tickt die Börse: Ende der Abenomics

Letzten Freitag wurde Shinzo Abe ermordet. Der frühere japanische Premierminister wurde auf offener Straße erschossen. Eine schreckliche Einzeltat, wie sie in der freien Welt immer wieder passiert. Ich bin geschockt und mein Mitgefühl geht an das japanische Volk, das brutal aus einer friedvollen Zeit gerissen wird.

Mein Mitgefühl geht an die Angehörigen von Shinzo Abe und auch an die gesamte japanische Nation, die einen großen Politiker verloren hat. Ein friedliebendes Land, das seiner Bevölkerung alle Freiheiten lässt, wird von einer einzelnen Person brutal in die Realität geholt: Es besteht stets das Risiko, dass Freiheit von Einzelnen missbraucht wird.

In China, Russland und vielen anderen Ländern besteht diese Gefahr nicht. Dort hat man das Gefühl, dass der Bevölkerung grundsätzlich nur gerade so viel Freiheit zugestanden wird, wie die Politik unter Kontrolle halten kann.

Für mich selbst ist das Attentat unfassbar, denn ich habe erst in der vergangenen Woche recherchiert, was aus den Abenomics geworden ist. In meinen Augen haben Abenomics nicht das gewünschte Resultat geliefert.

1990 war der Kaiserpalast Japans mehr wert als der gesamte Grund und Boden des US-Bundesstaates Kalifornien. Die japanische Wirtschaft finanzierte sich aus Krediten, die mit Immobilienbesitz gesichert wurden. Der Immobilienboom Japans war auf die lockere Geldpolitik der Bank of Japan zurückzuführen. Die Liquidität schwappte bis nach New York über, wo einige der größten Hochhäuser in japanische Hände fielen.

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Spät, vielleicht zu spät, reagierte die Bank of Japan und hob den japanischen Leitzins in mehreren Schritten von damals 2,5% auf bis zu 5,25% an. Die Folge war ein Platzen der Immobilienblase, reihenweise Insolvenzen wegen fehlender Kreditsicherheiten und eine schwere Rezession in Japan. Der Nikkei stürzte binnen weniger Monate um 40% ab. Das japanische Volk musste binnen weniger Monate lernen, wie man von einem weltweiten Vorbild zu einer weltweiten Gefahrenwarnung wird.

Aus dieser leidvollen Erfahrung lernte das stolze Volk, dass hohe Zinsen eine Rezession nach sich ziehen. Es war das letzte Mal, dass das Zinsniveau in Japan eine Rezession auslöste. Seither fährt Japan eine ultralockere Zinspolitik. Die Kritik, dass dadurch wichtige Strukturveränderungen aufgeschoben würden, griff Shinzo Abe 2012 auf und kombinierte die ultralockere Zinspolitik mit harten Reformen, begleitet von einer exzessiven Fiskalpolitik.

Ein Großteil der ausstehenden Anleihen in Japan befindet sich schon seit langem in der Hand der Bank of Japan. Der Zins ist seit Jahrzehnten nahe Null Prozent. Reformen werden vollmundig angekündigt, lassen sich jedoch nur ansatzweise umsetzen: Zu verkrustet sind die Strukturen. Und der Rückfluss aus den Reformen lässt bis heute auf sich warten.

2020 musste Shinzo Abe das Amt des Premierministers aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Dennoch galt er weiterhin als Strippenzieher der japanischen Politik. Seine Ermordung sei seiner Unzufriedenheit zuzuschreiben, wird der Mörder zitiert.

Die Intervention der Bank of Japan wurde über die Jahre immer zielgerichteter. Seit zwei Jahren wird gezielt die Zinskurve beeinflusst. Man möchte einen kurzfristigen Zins im negativen Bereich, um Investitionen anzukurbeln. Langfristige Zinsen sollen jedoch über Null notieren, damit gesunde wirtschaftliche Strukturen durch den Finanzmarkt finanziert werden können. Die Zinskurve solle die Nulllinie so bei einer Laufzeit von ungefähr 10 Jahren schneiden, so das Ziel der Bank of Japan.

Anlass für mein Interesse an Japan war die Yen-Entwicklung: Der Yen notiert gegenüber dem US-Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit 1998. Damals gab es den Euro noch gar nicht. Der Euro wiederum notiert gegenüber dem US-Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit Einführung 2002. Andersrum ausgedrückt: der US-Dollar befindet sich in einem Höhenflug.

Die Ursache ist schnell gefunden: Während die US-Notenbank mit einer beherzten Zinsanhebung um 0,75% gezeigt hat, dass sie eine hohe Inflation nicht tolerieren wird, sind die Bank of Japan sowie die EZB bislang noch untätig. Der Leitzins in Japan steht seit 2016 bei -0,1%, in Europa genauso lange bei 0%.

Ergebnis: Die japanische Wirtschaft ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Das Gehaltsniveau in Japan ist deutlich tiefer als in Europa, das wiederum deutlich tiefer ist als in den USA. Nur so schaffen es die beiden Exportweltmeister, ihre Produkte billig genug auf den Weltmärkten zu platzieren. Wettbewerbsvorteile durch günstige Heimatmärkte könnte man das Konzept nennen. Oder Strukturreform ohne Schmerzen, denn vernünftige Menschen würden die Notwendigkeit der Veränderung schon erkennen, wenn man ihnen ausreichend Zeit gibt. Klingt für mich ähnlich wie Appeasement-Politik, mit der man China und Russland von den Vorteilen der westlichen Werte überzeugen wollte.

Abe und Abenomics: Es gibt keine Rechtfertigung dafür, eine inhaltliche Meinungsverschiedenheit mit einem Mord zu beantworten. Schlimmer noch, es ist erschütternd zu sehen, wie schnell und vermeintlich einfach in unserer freiheitlichen Welt Einzeltäter das Zeitgeschehen verändern können. Abenomics hingegen, die augenscheinlich der EZB als Vorbild dienen, könnten in den kommenden Monaten stärker in die Kritik geraten. In Kapitel 04 formuliere ich dazu noch einen weiteren, in meinen Augen wichtigen Gedanken: https://www.heibel-ticker.de/heibel_tickers/1998#ch04

Published inAllgemeine Börsenthemen

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