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Heibel-Ticker Jahresrückblick 2021 • +13,5%, Fehler, Transaktionen, Entscheidungen

Ich beschränke mit hier auf diejenigen Positionen, die zum Jahresende geschlossen waren. Alle noch offenen Positionen werden im Rahmen von Updates mit den PLUS-Abonnenten diskutiert (siehe unten).

Die vollständige tabellarische Übersicht über alle im Jahr 2021 vollzogenen Transaktionen sowie die Übersichtstabelle zum Jahresschluss bleiben den Heibel-Ticker PLUS Lesern vorbehalten.

Im Jahr 2022 haben wir 34 Käufe und 35 Verkäufe getätigt. Zum Jahreswechsel wuchsen die 100.00 EUR Anfangsbestand unter Berücksichtigung der Transaktionskosten auf 112.466,64 Euro. Ohne Transaktionskosten verbleibt ein Jahresplus von 13,5%. Da wir im Jahr 2021 eigentlich mit einem deutlichen Rücksetzer im Sommer oder Herbst rechneten, segelten wir streckenweise sehr defensiv. So ist zu erklären, dass der DAX, der weder Cash, noch Absicherungspositionen enthält, um 2% besser abschnitt. Damit haben wir zwar eine Erklärung, doch zufrieden bin ich damit nicht.

Weder Delta, noch Omikron führten zu wirklich heftigen Korrekturen, sondern stellten sich nach sehr kurzer Zeit bereits als Verschnaufpausen im Rahmen der Nach-Corona-Rallye heraus. Der Großteil des Jahresplus wurde zum Jahresbeginn erzielt, sowohl im DAX als auch in unserem Portfolio. Danach lief der DAX seitwärts und wir konnten die kleinen Schwankungen nicht zu nennenswerten Trades nutzen. So kommt es, dass gerade die defensiven Titel in unserem Portfolio für das Jahr 2021 die beste Performance erzielten.

Im Bereich der Absicherung erzielten wir ein Jahresplus von 21,3%, lagen also besser als der DAX. Auch der Dividendenbereich lag mit +17,6% über dem DAX. Unsere Wachstumsaktien erzielten ein Jahresergebnis von +13,5%, mit unseren Spekulationen lagen wir dieses Jahr falsch, es bleibt ein Minus von 5,1%. In Verbindung mit der zeitweilig hohen Cashquote ergibt sich also eine Jahresperformance von +12,8%.

Schauen wir uns die einzelnen Bereiche einmal näher an:

ABSICHERUNG +21,3%

Im Bereich der Absicherung haben wir uns gleich im Januar nach sieben Jahren von der Nokia-Anleihe getrennt. Die Anleihe ist hoch (6,625%), aber nicht variabel verzinst. Daher ist damit zu rechnen, dass der Kurs dieser Anleihe, die noch bis 2039 läuft, im Umfeld der Zinssteigerungen Federn lässt. Unser Verkaufskurs lag bei 129%, aktuell notiert sie bei 133,7%, also höher. Das stört mich nicht, da wir die frei gewordene Portfolioposition durch den Bitcoin ersetzt haben, der deutlich besser lief. Wir haben hier also etwas Gutes durch etwas noch Besseres ersetzt.

Zwischenzeitlich notierte die Nokia-Anleihe noch bei 139% (August), doch seither wurde der Rückwärtsgang eingelegt und ich gehe davon aus, dass die Anleihe im kommenden Jahr noch deutlich tiefer fallen wird. Wer sich noch nicht davon getrennt hat, der sollte dies meiner Einschätzung nach bald nachholen. In einem Umfeld steigender Zinsen, das in den USA abzusehen ist und in Europa mMn mit rund sechs Monaten Verspätung ebenfalls eintreten wird, werden neue Anleihen mit immer höheren Zinsen ausgegeben. Bestehende Anleihen, wie die Nokia-Anleihe, bei denen der Zins fest ist, werden dann im Vergleich zu den neuen Anleihen immer weniger attraktiv. Auch wenn der Zins mit 6,625% exorbitant hoch ist, so rechnet sich die Rendite doch aus dem Zins im Vergleich zum aktuellen Kurs. Und der ist deutlich über 100% (aktuell 133%), daher ergibt sich eine Rendite von nur 3,9%. Je höher das Zinsniveau steigt, desto höher muss die Rendite der Anleihe sein, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und die Rendite erhöht sich eben genau dann, wenn der Kurs der Anleihe fällt.

Wir haben Nokia erstmals im Jahr 2014 zu 110% gekauft und konnten regelmäßig den Zins vereinnahmen. Es war ein Stabilitätsfaktor, den wir im aktuellen Niedrigzinsumfeld nicht ersetzen können.

DIVIDENDENBEREICH +17,6%

Seit 2018 lieferte uns Freenet regelmäßig eine attraktive Dividende von zeitweilig sogar 10%. Doch schnell wurde offensichtlich, dass Freenet als Nischenanbieter nicht wirklich wachsen kann. Unglückliche Übernahmen, dann noch Corona-Probleme durch den großen Anteil an Ladenverkäufen am Umsatz belasteten den Kurs ein ums andere Mal. Zwischenzeitlich notierte die Freenet-Aktie, die wir erstmalig zu einem Kurs von 26,95 EUR kauften, bei 14 Euro. Da helfen auch keine 10% Dividendenrendite. Seit dem Corona-Tief legte die Aktie um über 50% zu, allein im Jahr 2021 betrug das Plus bis zu unserem Verkauf im November 28% zzgl. Dividende, also insgesamt 38%.

Wir verkauften im April zu 20,08 EUR und im November zu 22,08 EUR. Inzwischen ist die Aktie auf 23,39 Euro gestiegen. Haben wir also zu früh verkauft? Nein, wir haben die Entscheidung über den Verkauf, die bereits vor Corona getroffen wurde, sehr spät umgesetzt und dadurch die Position insgesamt, wenn wir Teilverkäufe und Nachkäufe sowie Dividenden einrechnen, ohne nennenswerten Verlust verkauft.

Der Fehler, den ich mir vorwerfe, ist lediglich der: Mir war bewusst, dass Dividendenaktien gefragt werden. Über die Rotation an den Märkten habe ich berichtet, allerdings habe ich bislang keinen passenden Ersatz gefunden. Der Dividendenbereich besteht aus vier Positionen à 7,5% Portfolioanteil, derzeit haben wir nur drei Positionen. Mein erster Vorsatz für das Jahr 2022 lautet entsprechend: Den Dividendenbereich sauber aufstellen!

Immer wieder werde ich gebeten, auch österreichische und Schweizer Dividendentitel anzubieten. Für viele Kunden ist es nachvollziehbar wünschenswert, wenn sie inländische Dividendenaktien halten, da die steuerliche Behandlung der Dividenden so am einfachsten ist. Auch ausländische Dividendenwerte beispielsweise aus den USA werden immer wieder eingefordert, da dort teilweise ebenfalls attraktive Unternehmen zu finden sind. Dies hatte ich bislang abgelehnt, da die steuerliche Behandlung der Dividenden aus den USA sehr kompliziert war. In den vergangenen Jahren ist das deutlich einfacher geworden, ich werde daher das Universum, aus dem ich Dividendenaktien auswähle, entsprechend erweitern.

WACHSTUMSBEREICH: +13,5%

Ende 2019, also kurz vor der Corona-Pandemie, haben wir Spotify ins Portfolio geholt. Wie bei vielen jungen Börsenunternehmen war der Kurs unter den Emissionspreis gerutscht und wir konnten einen ersten Kauf zu 131,50 EUR tätigen. Als Corona-Gewinner wurde die Aktie in der Pandemie um über 100% nach oben katapultiert und wir nahmen Teilgewinne mit. Im Jahr 2021 jedoch stellten sich immer mehr Corona-Gewinner als überteuert dar, der Kurs sackte kontinuierlich ab. In den Kursrückgang hinein tätigten wir im Februar (250 EUR) und im Juli (200 EUR) dann Nachkäufe, doch ein Boden hat sich bis heute nicht wirklich gebildet. Daher haben wir dann im September (203,50 EUR) und schließlich kurz vor Weihnachten (196 EUR) die Position verkauft.

An Spotify können wir ablesen, wie Pandemie und Börse ein Wechselspiel etablierten, das kaum zu beherrschen war. Dank der Impfung wollten im Frühjahr viele Anleger das Ende der Pandemie sehen können. Die Delta-Mutation hat dem vermeintlichen Ende einen Strich durch die Rechnung gemacht, nach dem Sommer folgten erneut Kontaktbeschränkungen, trotz hoher Impfquote. Doch wider Erwarten stieg Spotify nicht mehr an, sondern lief nur noch seitwärts. Auch die Omikron-Variante konnte den Kurs von Spotify nicht zu neuen Hochs führen. Im Gegenteil, die Aktie sackte immer weiter ab.

Mit unserem Verkauf tragen wir der Marktverfassung Rechnung, nicht jedoch den Aussichten Spotifys. Ich gehe davon aus, dass Spotify eine dominante Rolle im Bereich des Audio-Streamings besetzen wird. Mit Hilfe der Podcasts wird verstärkt kostenfreier Content gestreamt, es fallen keine Lizenzgebühren wie bei Musik an. Wer einen langfristigen Zeithorizont hat, kann Spotify liegen lassen. Immerhin gehen Analysten von einer jährlichen Gewinnverdopplung in den kommenden fünf Jahren aus und das KGV 2023e von 132 ist zwar optisch hoch, vor dem Hintergrund der hohen Wachstumsgeschwindigkeit jedoch vertretbar.

Doch zwischenzeitlich läuft vieles gegen Spotify: Steigende Zinsen machen die hohe Bewertung zukünftiger Gewinnabsichten zunichte, die Gewinnträume müssen stärker abdiskontiert werden, so dass die Bewertungsmultipels der Niedrigzinsphase nicht mehr gelten. Der Sondereffekt der Pandemie, in der die Menschen zu Hause eingesperrt wurden, lässt sich nicht wiederholen. Daher sind kleinere Wachstumszahlen nicht zu vermeiden. Und in einer Phase rückläufigem Wachstums spekulieren Analysten nur noch darüber, wie weit das Wachstum wohl fallen werde – das ist kein optimistisches Umfeld mehr. Zudem drängen Amazon Music, Apple Music und andere Wettbewerber mit tiefen Taschen in den Markt, so dass nicht nur das Kundenwachstum zurückgeht, sondern schlimmstenfalls auch noch die Marge.

Apple kauften wir im Oktober 2020 zu 103,50 EUR und warfen die Position im Januar schon wieder zu 118,08 EUR aus dem Portfolio: 14% in drei Monaten waren mehr als genug in meinen Augen für ein Unternehmen, das schon das Größte der Welt ist. Apple hatten wir von 2006, seit ich den Heibel-Ticker herausgebe, bis 2018 im Portfolio, es war unser bestes Pferd. Im Oktober 2020 holten wir die Aktie zurück, weil ich mit Begeisterung gesehen habe, dass für die neue Generation des iPhone 12 damals erstmalig seit Einführung des iPhones ein Gerät angeboten wurde, das KLEINER war als seine Vorgänger. Mir waren die Fernseher in der Hosentasche schon lange ein Ärgernis und ich bin bis heute sehr zufrieden mit dem iPhone 12 mini.

Mein Kalkül ging schneller auf, als ich erwartet hatte und so verkauften wir die Position nach kurzer Zeit wieder. Im Frühjahr suchte ich nach Verkaufskandidaten, um für die erwartet ruppigen Sommermonate etwas Cash zu generieren. Nun, die “ruppigen” Sommermonate entpuppten sich als zu mild, um günstige Kaufkurse zu generieren. Zudem war der Erfolg der neuen iPhone Generation so groß, gefolgt von einem sensationellen Apple-Chip M1, dass die Aktie gegen den Markttrend bis zum Jahresschluss auf 160 EURO spurtete. Klingt blöd, aber so ist es: Jeder Apple-Kauf hat sich in den vergangenen 15 Jahren als richtig herausgestellt, jeder Verkauf als falsch.

An Apple können wir einen weiteren Fehler festmachen, der uns im abgelaufenen Jahr Performance gekostet hat: Ich habe mich von den Börsengiganten getrennt. Apple, Facebook und Nvidia warf ich zugunsten kleinerer Unternehmen raus, da sich die Rallye meiner Überzeugung nach noch in einem sehr jungen Stadium befindet. Die Giganten mutieren erst in der letzten Phase einer Rallye zu exorbitanten Kursraketen. Für mich war eine Marktkapitalisierung von 1 Billionen USD einfach hoch genug, um der Aktie erst einmal eine längere Verschnaufpause zu gönnen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Apple noch bis auf 3 Billionen USD Marktkapitalisierung steigen würde. Doch genau das ist geschehen.

Auch Microsoft, Amazon, Alphabet (Google) und Tesla habe ich leider liegen lassen, da ich von kleineren Unternehmen eine bessere Performance erwartete. Doch die Entwicklung hat gezeigt, dass wir offensichtlich bereits in einem sehr fortgeschrittenen Stadium der Rallye sind, denn gerade die Giganten haben im Jahr 2021 die größten Kurszuwächse verzeichnet.

Facebook (heute Meta Corp.) hatten wir etwa zeitgleich mit Apple ge- und verkauft. Bei Facebook mussten wir unterm Strich ein kleines Minus (-1%) verbuchen. Ich schwanke bei der Bewertung von Facebook stets zwischen Moral und Bewertung. Vor diesem Hintergrund hat mir mein Kamingespräch zu Weihnachten mit Dr. Wolgang Hackel sehr gut gefallen, solche Themen aus Sicht eines Anlegers zu betrachten. Doch die immer wieder fragwürdigen Methoden aus dem Hause Facebook haben bei mir den Geduldsfaden sehr früh reißen lassen, als die Aktie im Frühjahr zunächst, und anders als seine Wettbewerber, nicht aus dem Quark kam.

Auch Twitter hatten wir kurzzeitig im Portfolio: Gekauft im Februar zu 55 EUR stieg die Aktie bis April um 8%. Wir verkauften, um Cash für die erwartet ruppigen Sommermonate zu generieren. Die Entscheidung war goldrichtig, wie sich später herausstellte: Wir verkauften nicht nur auf dem Hoch, sondern seither ist die Aktie um 42% eingebrochen.

Kaum ein anderes Unternehmen spiegelt die unterschiedlichen Kräfte am Markt besser wider als Twitter. Das Kurs/Gewinn-Verhältnis 2023e (e steht übrigens immer für “estimated”, also geschätzt) steht bei 33. Bei einem erwarteten Umsatzwachstum von 20% p.a. und einem erwarteten Gewinnwachstum von 80% p.a. für die kommenden fünf Jahre ist das spottbillig. Kaum zu glauben, dass ein solcher Marktführer so günstig zu haben ist.

Aber die Marktkapitalisierung steht noch immer bei 36 Mrd. USD, für das laufende Jahr wird ein Umsatz von etwas über 6 Mrd. USD erwartet. Das Kurs/Umsatz-Verhältnis steht also bei 6. Aktien, die ein KUV über 2 haben, werden im Umfeld steigender Zinsen aufgrund der sinkenden Risikobereitschaft einfach verkauft, ohne Rücksicht auf sonstige Rahmenbedingungen. Genau wie Spotify finde ich auch Twitter sehr interessant. Wer einen langfristigen Anlagehorizont und gute Nerven hat, der kann die Position gerne im Depot liegen lassen. Da ich jedoch die Anzahl der in unserem Portfolio befindlichen Positionen beschränkt habe, möchte ich keine Wetten auf die ferne Zukunft darin liegen haben. Denn solange die Inflation steigt und die Reaktion der Notenbanken von Sitzung zu Sitzung eher verschärft werden, dürfte auch Twitter es schwer haben, einen Boden zu bilden.

Schließlich haben wir im Februar zu 113,58 EUR Nvidia in unser Portfolio geholt (alle Zahlen splittbereinigt) und im Juli mit +51% teilverkauft und im September mit +60% zu 181,76 EUR verkauft. Seither war Nvidia noch auf 307 EUR gespurtet und konsolidiert nun zum Jahresende zurück auf 250 EUR. Ein heißer Ritt, den wir für uns nutzen konnten, weil wir erkannten, dass herausragende Q-Zahlen im Februar von Anlegern falsch eingestuft wurden und die Aktie ausverkaufte.

Jedoch auch Nvidia haben wir zu früh verkauft: Die Kursrallye hatte mich schwindelig gemacht, und so verkaufte ich bei ersten Anzeichen der Marktschwäche sowie bei aufkeimenden Sorgen über die geplante Übernahme von AMD. Jeweils verkauften wir zu einem Zeitpunkt, an dem ich Turbulenzen für den Aktienmarkt befürchtete. Die erwarteten Turbulenzen fielen dann jedoch, wie oben erläutert, sehr moderat aus und so ergab sich keine Gelegenheit mehr, die Position zurückzukaufen.

SPEKULATIONEN -5,1%

Um es kurz zu machen: Zwei der im Jahr 2021 durchgeführten 10 Spekulationen haben uns die Performance verhagelt: CureVac und TeamViewer. Es waren zugleich die beiden letzten Spekulationen, mit denen ich dem Wiederaufflammen der Corona-Pandemie zumindest spekulativ Rechnung tragen wollte.

Für mich war es im Mai, als die Delta-Mutation sich langsam zeigte, absehbar, dass auch CureVac einen passenden mRNA-Wirkstoff entwickeln würde, der einen ähnlich hohen Wirkungsgrad ausweisen würde wie die von Moderna und BioNTech. Doch die Überraschung war groß, als der CureVac Wirkstoff sich als weniger wirksam herausstellte. CureVac hatte also nicht nur länger benötigt, um den Impfstoff zu entwickeln, sondern dieser war dann auch schlechter. Wir zogen die Notbremse, doch in der Phase der Ungewissheit über Termin und Wirksamkeit des Wirkstoff hat das Unternehmen bereits zwei Drittel seines Wertes eingebüßt.

Ich war aus Überzeugung dabei geblieben, muss mich heute aber fragen lassen, worauf diese Überzeugung bei einem Unternehmen bestand, das noch nie zuvor erfolgreich einen mRNA-Wirkstoff zur Zulassung gebracht hatte. Ich dachte halt, was die andern können (BioNTech und Moderna), das können die auch.

Nun, der Kurseinbruch von 90 auf 31,50 Euro nahm nur sechs Wochen in Anspruch: Am 4. Mai kauften wir zu 90 Euro, am 17. Juni zogen wir bei 31,50 Euro viel zu spät die Notbremse: -65%.

Der zweite Griff ins K… betrifft TeamViewer. Die Aktie habe ich seit dem Börsengang zu 26 EUR Ende 2019 im Auge. In der Pandemie sprang die Aktie über 50 Euro, doch der Vergleich mit Zoom Video hinkte: TeamViewer ist auf die Unternehmens-IT fokussiert, während Zoom Video die zu Hause eingesperrten Privatnutzer abfischte. Ich hatte das erwartet und wartete geduldig, bis das überteuerte Kursniveau auf ein vernünftiges Niveau nahe dem IPO-Preis zurückgeführt wurde.

Im August war es soweit, wir kauften zu 27,59 EUR ein. Nur vier Wochen später verkauften wir bereits wieder zu 27,63 EUR, also nahezu auf dem gleichen Niveau.

Es stellte sich ein wesentlicher Widerspruch heraus: Zwar verdoppelte sich die Aktie in der Corona-Pandemie, aber nicht das Geschäft. Gründer und CEO Oliver Steil schien jedoch durch den Kurssprung getrieben, weniger durch die Geschäftsentwicklung, als er teure Sponsoring-Verträge mit dem Mercedes-Team der Formel 1 sowie dem Fußballclub Manchester United abschloss. Statt in den Ausbau des Geschäfts steckte er einen Großteil des freien Cashflows ins Marketing, was von Anlegern bei einem jungen Wachstumsunternehmen sehr ungern gesehen wird: Entweder das Unternehmen wächst, dann sollte man so viel wie möglich in das Wachstum investieren. Oder es handelt sich um eine Cash-Cow in einem reifen Marktumfeld, dann kann man durch Marketing den Absatz hoch halten.

Der Einbruch ließ auf sich warten, erst Anfang Oktober brach der Kurs dann ein: TeamViewer senkte am 6. Oktober die Prognose für Umsatz, Gewinn und Marge. Binnen weniger Stunden ging es unter 20 Euro, wo ich zum Einstieg blies. Wir kamen am 6. Oktober zu 18,26 EUR zum Zug. Der von mir errechnete faire Kurswert lag auch nach der Prognosesenkung über 25 EUR und ich dachte, wir machen ein Schnäppchen.

Für Anfang November wurde eine Analystenkonferenz angekündigt, in der eine neue Strategie verkündet würde. Doch statt hoffnungsfroh anzusteigen, bröckelte der Kurs immer weiter ab. Bis Anfang November stand die Aktie bei nur noch 12,87 EUR, wir kauften nochmals nach. Doch die neue Strategie wurde nicht etwa als Schuldeingeständnis präsentiert, sondern eher mit einem Tonfall der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben.

Wenn eine Aktie von 50 auf 12 Euro fällt, sollte der Vorstand meiner Einschätzung nach schon ein wenig Demut zeigen: Anleger haben viel Geld verloren und selbst wenn das Geschäft ordentlich läuft, so müsste doch zumindest analysiert werden, was in der Kommunikation schief gelaufen war. Bei TeamViewer gab es jedoch eine Prognosesenkung, die Aufarbeitung der Gründe hätte da mehr Raum in Anspruch nehmen müssen. CEO Steil beließ es bei dem lapidaren Satz, die Kunden hätten nicht so viele Leistungen abgerufen wie gedacht.

Es wurde weniger eine neue Strategie, als vielmehr ein neues Produkt vorgestellt: IT-Support über TeamViewer mit Augmented Reality (AR). Eine technische Finesse, die sicherlich schön und zukunftsweisend sein mag, nicht jedoch das akute Problem löste: Warum rufen die Kunden nicht mehr Leistungen ab? Sicherlich nicht etwa, weil sie den Support nur zweidimensional ausüben konnten.

Es gab nicht einmal eine nennenswerte Gegenbewegung nach der Präsentation der neuen Strategie. Anfang Dezember warfen wir die Position schließlich zu 11,70 EUR mit -29,5% aus dem Portfolio.

Sowohl bei CureVac als auch bei TeamViewer habe ich ins fallende Messer gegriffen. Ich habe mir diese alte Börsenweisheit, niemals in das fallende Messer greifen, nun auf einen Post-it geschrieben und an meinen Monitor geheftet.

Alle anderen Spekulationen waren erfolgreich:

Marvell, einen Anbieter von 5G-Chips, kauften wir im Oktober 2020 zu 37,15 EUR und verkauften die Position Ende Januar zu 41 Euro mit +9,3% im Vergleich zum Jahresstart, um den Buchgewinn vor einem erwarteten Ausverkauf zu sichern. Tatsächlich brach die Aktie bis März, sowie dann erneut im Mai nochmals bis unter 34 Euro ein. Auf eine erneute Spekulation verzichtete ich jedoch, da wir zwischenzeitlich Nvidia und Skyworks ins Portfolio geholt hatten. Heute notiert die Aktie bei 76 Euro. Die Chipknappheit hat gerade in der Seitwärtsbewegung des Sommers und nochmals im Dezember diese Aktie in die Höhe katapultiert. Schade, leider ohne uns.

TUI hatten wir im November 2020 zu 4,12 EUR ins Depot geholt. Über ein Bezugsrecht vergrößerten wir unsere Position im Januar und konnten einen Teilgewinn von 99,7% realisieren. Die verbleibenden Aktien hielten wir sodann bis zum November, bis die Omikron-Mutation sich zeigte. Aus Vorsicht verkauften wir den verbliebenen Bestand dann zu 2,39 EUR. Im Vergleich zu unserem ursprünglichen Einstandskurs (splittbereinigt inzwischen 2,14 EUR) erzielten wir noch immer einen kleinen Gewinn. Da wir jedoch einen Großteil des Gewinns bereits im ersten Teilverkauf realisiert hatten, und sodann unter Inanspruchnahme der Bezugsrechte teurer nachkauften, ergab sich für diesen Teil der Transaktion ein Minus von 24%,6%.

Wir haben zwar mit unserem ersten Teilverkauf das absolute Jahreshoch getroffen, doch der Verkauf des Rests erfolgte genau auf dem Jahrestief. Inzwischen zeigt sich die Omikron-Mutation wesentlich weniger tödlich als vorhergehende Mutationen und ein Infektionsgeschehen auf einem Kreuzfahrtschiff wird inzwischen relativ gleichgültig zur Kenntnis genommen. Die Aktie ist wieder über 3 Euro geklettert und es juckt mich in den Fingern, TUI wieder ins Depot zu holen.

Den BVB Borussia Dortmund hatte ich zeitgleich mit TUI am 9.11. als Reaktion auf die positiven Testergebnisse des Corona-Impfstoffs von Moderna zu 5,08 EUR ins Depot geholt. Bis Ende November war die Aktie auf 5,85 EUR gestiegen, +15%. Doch der erneute Lockdown ließ den Kurs sodann wieder abbröckeln, zum Jahresschluss lag der BVB nur noch bei 5,44 EUR, am 27.1. zog ich die Notbremse bei 5,16 EUR. Ein kleines Plus im Vergleich zum Einstandskurs habe ich gerettet, doch im Vergleich zum Kursniveau zum Jahreswechsel ergab sich ein Minus von 5%.

Aktuell notiert der BVB bei nur noch 4,25 EUR und genau wie bei TUI juckt es mich auch hier in den Fingern. Erling Haaland wird vermutlich im kommenden Sommer verkauft und damit könnte der BVB sich positiv absetzen von vielen anderen Fußballclubs, die nach der Pandemie alle ziemlich klamm sind.

Nynomic hatten wir zweimal als Spekulation im Portfolio. Erstmals kauften wir die Aktie am 11.12.2020 zu 34 Euro, übernahmen sie ins Jahr 2021 zu 36,50 EUR und verkauften im Juli zu 41 Euro mit einem Plus von 13,7%. Auch bei Nynomic hofften wir vergeblich auf einen stärkeren Rücksetzer in den Sommermonaten und so stiegen wir im August wieder zu höheren Preisen ein, nämlich zu 44,50 EUR und konnten die Aktie bis 49,10 Euro reiten, ein weiteres Plus von 10,3%.

Nynomic verfügt über eine Marktkapitalisierung von 255 Mio. Euro, liegt also deutlich über der Schwelle von 100 Mio. Euro, die ich mir gesetzt habe. 83% der Aktien befinden sich im Streubesitz, ich war also überzeugt davon, dass meine Kauf- und Verkaufsempfehlungen den Kurs kaum bewegen würden. Zumindest nicht, wenn Sie, liebe Kunden, ein wenig Geduld mitbringen. Ich habe stets Kauf- und Verkaufslimits mitgegeben, damit nicht ein unerwartet großer Schwung an unlimitierten Orders den Kurs in die eine oder andere Richtung peitschen. Doch leider hielten sich viele Kunden nicht an die Limits, sondern kaufen teurer und verkauften billiger als von mir empfohlen. Viele Kunden, die sich an die ausgegebenen Limits hielten, kamen dadurch nicht zum Zug.

Das ist ärgerlich, da jeweils anschließend die von mir ausgegebenen Limits nochmals erreicht wurden, wenn auch teilweise mit reichlich Verzögerung. Ich kann zeitlich flexibel agieren, wenn wir langfristige Positionen in den anderen Teilbereichen unseres Portfolios aufbauen. Doch bei Spekulationen, mit denen ich auf Kursbewegungen binnen weniger Tage oder Wochen setze, funktioniert es nicht, wenn wir erst zwei Wochen warten müssen, bis die durch uns selbst erzeugte Kursschwankungen wieder ausgeglichen wird. Der ursprüngliche Beweggrund für die Spekulation ist dann häufig nicht mehr gegeben.

Daher habe ich Nynomic schweren Herzens aus unserem Aktienuniversum entfernt. Mal schauen, vielleicht qualifiziert sie sich ja irgendwann in der Zukunft für einen anderen Portfoliobereich. Grundsätzlich halte ich das Unternehmen weiterhin für solide und gehe davon aus, dass sich das Wachstum in den kommenden Jahren auf 15% p.a. beschleunigen wird.

Linde haben wir am 19.2. zu 205 EUR sehr teuer eingekauft. Das Thema grüner Wasserstoff ist heiß und wird uns noch viele Jahre begleiten. Binnen zwei Monaten sprang die Aktie um 17% auf 239,80 EUR, wo wir den Gewinn einstrichen. Auch Linde fiel meiner Absicht zum Opfer, in den von mir erwarteten Sommerturbulenzen günstiger wieder einzusteigen. Die Turbulenzen blieben jedoch aus, die Aktie stieg inzwischen auf 300 Euro. Schade, leider ohne uns.

Im Februar startete ich eine Serie, mit der ich Ihnen den Bitcoin näher brachte. Als erstes überzeugte mich das Index-Zertifikat Bitcoin-ETC ohne Laufzeitbegrenzung von der britischen ETC Securities. Im Rahmen der Vorstellung der Anlagemöglichkeiten kaufte ich dieses Zertifikat am 22.3. zu 47,71 EUR als Spekulation, ehrlich gesagt ohne mich besonders um Kurs oder Zeitpunkt zu kümmern. Vier Wochen später brach der Bitcoin-Kurs ein und ich kaufte eine Position für den Absicherungsbereich unseres Portfolios. Da der Bitcoin eigentlich dorthin gehört, löste ich anschließend am 29.4. die spekulative Position zu 43,78 EUR mit einem Minus von 8% wieder auf. Im Bereich der Absicherung hat der Bitcoin einen festen Platz eingenommen. Als Spekulation kommt das Papier in diesen Tagen wieder in mein Visier.

Mit Beyond Meat wollte ich auf einen Sommer voller Sommerfeste und Grillabenden spekulieren. Am 26.4. holten wir die Aktie zu 110 EUR ins Portfolio. Im Mai brach die Aktie auf 84 Euro ein: Der Absatz stockte, weil Kontaktbeschränkungen weder Grillfeste, noch Restaurantbesuche zuließen. Dann folgte etwas, das ich nur als Glück für uns bezeichnen kann: Beyond Meat geriet in den Fokus der Wallstreet-Bets community: “To the moon” kursierte plötzlich zur Aktie von Beyond Meat durch die Foren, die Massen der Kleinanleger entdeckten das Unternehmen als moralisch überlegen, aber mit schwachen Finanzen ausgestattet, und jubelten den Kurs in ungeahnte Höhen. Kurzfristig notierte die Aktie Anfang Juli nochmals über 130 Euro, ich hatte da aber bereits zuvor diesen glücklichen Kurssprung genutzt und die Position zu 122,56 EUR mit +11,4% aufgelöst.

Manchmal ist ein wenig Glück eben besser als überlegene Intelligenz ;-).

So, das war’s: Die anderen Transaktionen beziehen sich auf Positionen, die sich heute noch im Portfolio befinden. Meine Besprechung der entsprechenden Positionen lesen Sie heute unter den Updates dieser Ausgabe.

Wenn ich auch mir nun die Dinge nochmals vor Augen führe, so habe ich in diesem Jahr vieles richtig gemacht, daher die +12,8%. Doch einen elementaren Fehler habe ich gemacht: Ich habe fest auf Turbulenzen im Sommer und Herbst gesetzt, doch die kamen nicht. Weder Delta, noch Omikron konnten die Anleger in Zeiten des Anlagenotstands vom Parkett vertreiben. So ist uns ein gutes Stück an möglicher Performance durch die Finger geglitten.

Dunja, es gibt Schlimmeres als entgangene Gewinne: Verluste beispielsweise 😉 und davon hatten wir im abgelaufenen Jahr nicht besonders viele.

Das Kapitel 05 unserer aktuellen Heibel-Ticker Ausgabe 22/01 enthält sodann die Updates zu den offenen Positionen. Insbesondere in unseren Langzeitpositionen haben wir im vergangenen Jahr oftmals gut Pendelbewegungen nutzen können, um Zwischengewinne mitzunehmen, und die Position dann günstiger wieder aufzustocken.

Weiter zum Kapitel 05 der HT Ausgabe 22/01: https://www.heibel-ticker.de/heibel_tickers/1939#ch05

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