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FANG wird zu MAMAA und MAMAA ist die beste – Alle Quartalszahlen der ganzen Welt

Liebe Börsenfreunde,

Hätte man sämtliche Quartalsberichte der ganzen Welt,
zusammengetragen und übereinander gestellt
und wäre zu Füßen dieses Massivs,
ein einziger Börsenschreibel, eifrig und gevievt.
Und veröffentlichte man, unter Donnern und Blitzen,
alles auf einen Schlag, Mann würd’ der Börsenschreibel schwitzen!

Frei nach Heinz Erhard, der, wie ich kürzlich erfuhr, nur wenige Kilometer von mir unter der Erde liegt.

Letzte Woche wurden alle Quartalsergebnisse der ganzen Welt veröffentlicht, ich kam kräftig ins Schwitzen. Ich habe mich für Sie durch die wichtigsten hindurch gewühlt und meine Schlussfolgerungen aufgeschrieben: Microsoft, Alphabet, AMD, Tesla, Twitter, Linde, Facebook, Amazon und Apple haben unterschiedliche Einblicke in den Zustand der globalen Konjunktur und des eigenen Geschäfts gewährt.

Vor einigen Jahren wurde der Begriff FANG geprägt: Facebook, Amazon, Netflix und Google galten als die aufstrebenden Internetgiganten. Inzwischen heißt Google Alphabet und seit letzter Woche heißt Facebook Meta. Netflix ist zwar erfolgreich, aber ein Monopol wie die anderen konnte nicht behauptet werden. Außerdem haben sich Microsoft und Apple in die Riege der erfolgreichsten Konzerne vorgearbeitet. Damit können wir nun den Namen FANG durch MAMAA ablösen: Microsoft, Apple, Meta, Alphabet und Amazon. Diese Konzerne haben sich in den vergangenen 10 Jahren zu den besten Konzernen der Welt entwickelt und verdienen damit das Prädikat: MAMAA ist die Beste.

Ich habe letzte Woche gefühlt unendlich viele Quartalszahlen durchgerechnet und Mitschriften von den anschließenden Analystencalls gelesen. Im Folgenden zeige ich das Wichtigste kurz auf.

MICROSOFT LIEFERT HERAUSRAGENDE Q-ZAHLEN

Microsoft schießt den Vogel ab: 51% Wachstum in der Microsoft-Cloud Azure bei 15 Mrd. USD Quartalsumsatz. Startups bemühen sich um ein Umsatzwachstum nördlich der 20%, wenn sie einen neuen Markt erobern. 50% Wachstum in einem Milliardenmarkt stellt alle Startups in den Schatten. Es ist, als ob Sie den heute 60 jährigen Carl Lewis bitten, gegen Usain Bolt anzutreten … und Carl Lewis gewinnt.

Der Konzernumsatz ist um 22% auf 45,4 Mrd. USD angewachsen (Erwartung 44 Mrd. USD). Die Gewinnmarge lag bei 70& (erwartet 69%) und führte zu einem Gewinn von 2,27 USD/Aktie (erwartet 2,08 USD/Aktie).

CEO Satya Nadella leitete seinen Kommentar zu den Zahlen wie folgt ein: “Digitale Technologien sind eine DEFLATIONÄRE Kraft in einer inflationären Volkswirtschaft” (Hervorhebung durch mich). Damit fasst er in einem Satz zusammen, was Volkswirte diese Tage beschäftigt: Steigende Rohstoffpreise, fehlende Ressourcen und ein leer gefegter Arbeitsmarkt erzeugen einen Preisdruck, der sich nur in hohen Inflationsraten entladen kann, wie einige Volkswirte vorschnell folgern. Doch die Cloud und die digitale Automatisierung vieler vormals komplexer Tätigkeiten von Büroangestellten führt zu Effizienzsteigerungen bei gleichzeitig sinkenden Kosten und wirkt somit dem inflationären Druck entgegen.

In diesem Spannungsfeld erwarte ich nach wie vor eine Inflationsrate zwischen 3% und 5% für die kommenden Quartale. Mal sehen, wo sich das Ganze einpendelt.

ALPHABET-ZAHLEN HABEN ZWEI HAAREN IN DER SUPPE

Alphabet wies ein Umsatzwachstum von 40% aus, das größte Umsatzwachstum des Unternehmens seit 14 Jahren! Die Google-Cloud wuchs um 45% auf 5 Mrd. USD (erwartet wurden 5,19 Mrd. USD). Das Gewinnwachstum sprang auf 87,5%. Die Gewinnmarge lag bei 32%. Dies führte zu einem Gewinn je Aktie von 27,99 USD, erwartet wurden 23,73 USD.

Der Umsatz der Suchmaschinenwerbung sprang um 40% auf 38 Mrd. USD. Größter Umsatztreiber ist hier die Reisebranche, die nach der Corona-Pandemie langsam wieder zum Leben erwacht. Werbeeinnahmen über YouTube stiegen um 43% auf 7 Mrd. USD. Da haben Analysten mehr erwartet. Grund für die Umsatzschwäche scheint bei YouTube, genau wie bei Snap und Facebook, der neue Datenschutz von Apple zu sein, der in iOS-Apps berücksichtigt werden muss (Nutzer müssen explizit der Nutzung ihrer Daten zustimmen, wenn sie gezielte Werbung haben wollen).

Google ist nicht so stark von Apples Datenschutzänderung betroffen wie Snap, dennoch ist es ein Haar in der Suppe. Das zweite Haar kommt aus dem Cloud-Geschäft, das mit 45% Wachstum nicht ganz so stark gewachsen ist wie erwartet. Mit einem Kursplus von 60% im laufenden Jahr hätte Alphabet lupenreine Q-Zahlen präsentieren müssen. Zwar ist die Aktie am Mittwoch erst einmal auf ein neues Allzeithoch gesprungen, doch ich könnte mir vorstellen, dass dies kurzfristig erst einmal das Ende der Rallye für Alphabet ist.

Mit Wachstumsraten nördlich der 40% in fast allen Geschäftsbereichen ist Alphabet weiterhin eine solide Aktie für jedes Wachstumsdepot. Doch wer einsteigen möchte, der könnte in ein paar Wochen bessere Kurse sehen.

AMD VERDOPPELT UMSATZ MIT HOCHLEISTUNGS-RECHENZENTREN

Chiphersteller AMD konnte im abgelaufenen Quartal den Umsatz um 54% auf 4,3 Mrd. USD steigern, der Gewinn sprang um 78% auf 0,73 USD/Aktie (erwartet wurden 0,66 USD/Aktie). Es handelt sich um das fünfte Quartal in Folge mit einem Umsatzwachstum über 50%. Der Umsatz mit Chips für Rechenzentren verdoppelte sich und zeigt erneut eindrucksvoll, wie stark derzeit in den Ausbau von Cloud-Rechenkapazitäten für AI etc. investiert wird. Microsoft Azure und Google Cloud kündigten kürzlich weitere Investitionen in Rechenzentren an, die mit AMD-Chips arbeiten.

Besonders stark entwickelte sich auch das Geschäft mit den Spielekonsolen. AMD liefert die Graphikchips für die Playstation sowie für die Xbox.

Die Unternehmensprognose für das laufende Quartal wurde angehoben und liegt ebenfalls über den Erwartungen der Analysten. Nach +34% im laufenden Jahr notiert die Aktie aktuell auf einem Allzeithoch. Ich denke, auch für AMD wird es in den kommenden Wochen günstigere Kaufkurse geben.

TESLA VERDIENT MEHR ALS IN DEN VERGANGENEN JAHREN VERLOREN WURDE

In Europa verkaufte Tesla im angelaufenen Quartal mehr Model 3s als VW Golfs. Das Model 3 hat das seit Jahren absatzstärkste Automodell, den Golf, vom Thron gestoßen. Kritiker, die das überlegene Spaltmaß der deutschen Autoindustrie betonten, die langen Ladezeiten bemängelten und über die fehlende Lade-Infrastruktur klagten, sind verstummt.

Zeitgleich meldet Tesla, dass der Autovermieter Hertz 100.000 Autos des Typs Model 3 bei Tesla bestellt habe. Das ist ein Kaufvertrag über 4,3 Mrd. USD mit nur einem Kunden.

Die Aktie von Tesla ist um 15% auf über 1.000 USD gesprungen, die Marktkapitalisierung ist auf über 1 Billionen USD gestiegen. Tesla hat damit Facebook überholt und ist nun das sechste Unternehmen weltweit, das diese Schwelle übersprungen hat. Die anderen fünf: Apple (2,5 Bio. USD), Microsoft (2,3 Bio. USD), Saudi Aramco (2 Bio. USD), Alphabet (1,9 Bio. USD) und Amazon (1,7 Bio. USD).

Tesla ist nun mehr wert als ALLE ANDEREN AUTOBAUER ZUSAMMEN! VW, Daimler und BMW (270 Mrd. USD), Toyota, Honda, Suzuki und Nissan (266 Mrd. USD), Ford und General Motors (140 Mrd. USD), Hyundai und Kia (55 Mrd. USD), Ferrari, Volvo und Renault (123 Mrd. USD) kommen gemeinsam nicht auf 1 Bio. USD Marktkapitalisierung.

Gründer und CEO Elon Musk hat vieles richtig gemacht: Nicht das Spaltmaß führt zur Kaufentscheidung der Kunden, sondern Beschleunigung bei gleichzeitiger Umweltfreundlichkeit. Fahrspaß ohne schlechtes Gewissen. Außerdem hat er frühzeitig zwei Kernbereiche zu strategischen Projekten gemacht, die heute Tesla von der Konkurrenz abheben: Die Batterietechnologie sowie der Chip. Lieferkettenprobleme kennt Tesla nicht.

TWITTER SCHWACH AUF OHNE NEGATIVEN EINFLUSS DES APPLE-DATENSCHUTZES

CFO Net Segal habe ich gestern in einem Interview gesehen. Zur Diskussion um den “geschäftsschädigenden” Datenschutz, den Apple für alle iOS-Apps eingeführt hat, antwortete er, Twitter sei davon kaum berührt. 85% der Werbung, die auf Twitter ausgestrahlt wird, sei Branding, also ungezielte Werbung, die nur der Bekanntmachung einer Marke diene.

Damit hat Twitter die Kritik, die seit Jahren an der mangelhaften Werbeplattform geübt wird, zu einem Vorteil gedreht: Man war über Jahre nicht in der Lage, gemäß Nutzerinteressen gezielte Werbung auszustrahlen. Da Apple diesem Treiben nun einen Riegel vorgeschoben hat, verliert Twitter dadurch kaum Werbeeinnahmen. Segal spricht nun von einem “leveled playing field”, faire Bedingungen für alle.

Das Umsatzwachstum bei Twitter betrug wie von Analysten erwartet 37%, allerdings wurde ein Verlust von 0,67 USD je Aktie eingefahren, erwartet wurde ein Cent Gewinn. Das Nutzerwachstum liegt bei 13% und entsprach den Erwartungen.

Ein KGV 22e von 42 sieht günstig aus, wenn wir uns vor Augen führen, dass Analysten für die kommenden fünf Jahre ein jährliches Gewinnwachstum von 80% erwarten. Die Aktie ist unter Druck, da viele Anleger den ex US-Präsidenten Donald Trump als Zugpferd der Plattform sahen. Trumps Twitteraccount wurde nach dem Sturm auf das Weiße Haus Anfang des Jahres von Twitter gelöscht.

Doch Twitter ist das Gegenstück zu Facebook. Während wir über Facebook inzwischen durch die Veröffentlichung interner Dokumente wissen, das man stets Umsatz und Gewinn über den Schutz der Kunden gestellt hat, wird dies bei Twitter genau umgekehrt gehandhabt: Der Schutz der Nutzer steht an oberster Stelle und CEO Jack Dorsey hat bereits vielfach auf Umsatz verzichtet, wenn er moralische Bedenken hatte.

Die Aktie ist in Folge der Q-Zahlen um 10% ausverkauft worden: Analysten kommentieren, dass Twitter nach wie vor erst noch beweisen muss, dass über die Plattform ein skalierbares Werbegeschäft aufgebaut werden könne. Auf der einen Seite sind die Gewinnerwartungen exorbitant hoch, auf der anderen Seite zweifeln die Analysten also an ihren eigenen Prognosen. Komisch.

Ich finde die Aktie von Twitter auf dem derzeitigen Kursniveau extrem interessant.

LINDE TREIBT GRÜNE REVOLUTION VORAN

Linde baut Anlagen für die Gas-Verarbeitung und betreibt selber solche Anlagen, um das erzeugte Gas zu verkaufen. Das Zukunftsthema des Konzern ist grüner Wasserstoff. Die Erzeugung von Wasserstoff ist sehr energieintensiv und Kritiker des Wasserstoffantriebs weisen zu Recht auf den hohen Einsatz fossiler Energieträger hin, die den vermeintlich grünen Fußabdruck der Wasserstoffautos beschmutzen. Ideal wäre die Erzeugung des Wasserstoffs ausschließlich unter Einsatz regenerativer Energien. Erst dann können wir von grünem Wasserstoff sprechen.

Mit 7,67 Mrd. USD Quartalsumsatz (+12%) wurden 1,81 Mrd. Euro Gewinn (+19%) erwirtschaftet. Beides liegt über den Erwartungen der Analysten. Bei der Vorlage der Q-Zahlen wurde gestern das Jahresziel zum dritten Mal im laufenden Jahr nach oben korrigiert. 28% Gewinnwachstum im laufenden Jahr strebt der Konzern nun an. Die positive Entwicklung ist zum großen Teil den steigenden Absatzmengen zuzuschreiben, aber auch Preiserhöhungen haben ihren Anteil daran.

Die Aktie gab gestern ein halbes Prozent ab, heute notiert sie ebenfalls im Minus. Analysten missfällt die Gewinnmarge, die nicht ganz den Erwartungen entsprach. In einem Interview erläuterte CEO Steve Angel, die schwache Gewinnmarge sei dem Preisanstieg zuzuschreiben: Durch die gestiegenen Rohstoffpreise könne Linde die höheren Kosten direkt an seine Kunden weiterreichen. Der Gewinn, betrachtet in absoluten Zahlen, wird dadurch konstant gehalten, so sei es in den Verträgen vereinbart. Da nun jedoch der Rechnungsbetrag steigen würde, nehme der konstante Gewinnbetrag einen abnehmenden Anteil ein, die Gewinnmarge sinkt.

Wenn Analysten also eine rückläufige Gewinnmarge sofort als Zeichen eines Preiswettbewerbs interpretieren, so ist dies im Fall von Linde derzeit falsch.

Viel wichtiger als solche Erbsenzählerei (meine freie Übersetzung) sei, so CEO Angel, dass der Auftragsbestand im abgelaufenen Quartal um 81% angesprungen sei. Mit einem Volumen von aktuell 13,4 Mrd. USD hat Linde Aufträge im Bestand, die dem Umsatz der kommenden sechs Monate entsprechen. Angel berichtet von Kunden, die eine Grundsatzentscheidung für die Nutzung grünen Wasserstoffs getroffen haben und den Weg dorthin gemeinsam mit Linde gehen wollen. Das hört sich also nicht nur nach sechs Monaten an, sondern nach vielen Jahren.

Linde selbst hat schon seit 2018 ambitionierte Klimaziele: Bis 2050 möchte der Konzern klimaneutral werden. Auf dem Weg dorthin wurden eine Reihe von Meilensteinen definiert, deren Erreichen bislang sehr wahrscheinlich ist.

CEO Angel wird Anfang kommenden Jahres in den Aufsichtsrat rücken und den Chefsessel für den heutigen COO Sanjiv Lama frei machen. Er wird das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden von Wolfgang Reizle erben. Diese drei Manager waren federführend für die Übernahme / Fusion von Praxair durch/mit Linde verantwortlich und haben die Integration reibungslos und unaufgeregt durchgeführt. Linde ist heute deutlich effizienter und dadurch profitabler.

Die Aktie kennt seit der Fusion nur eine Richtung: Von 140 Euro Ende 2018 geht es steil nach oben, kurzzeitig lediglich durch den Coronacrash unterbrochen. Heute steht die Aktie bei 270 Euro. Damit notiert die Aktie auf einem Kurs/Umsatz-Verhältnis von 5. Das KGV 22e steht bei 27, das Gewinnwachstum wird Analystenschätzungen zufolge in den kommenden Jahren auf 8% zurückfallen. Irgendwie erschließt sich mir dieses hohe Bewertungsverhältnis nicht. Ich fürchte, da ist viel Idealismus in der Aktie.

FACEBOOK WIRD ZU META UND STEIGT INS METAVERSUM

Anfang letzter Woche hat Facebook Q-Zahlen veröffentlich. Am gestrigen Donnerstag zeigte uns Gründer und CEO Mark Zuckerberg die Zukunft und benannte sein Unternehmen um in “Meta”.

Die Q-Zahlen waren durchwachsen. Seit den Q-Zahlen von Snap wissen wir, dass die iOS-Änderungen von Apple in Sachen Datenschutz bei den sozialen Netzen zu deutlichen Einnahmeverlusten führten. Die zielgerichtete Auslieferung passender Werbung ist deutlich erschwert worden. Facebook hat das zu spüren bekommen, jedoch bei weitem nicht so stark wie Snap. Über die verschiedenen Plattformen Facebook, Instagram, Messenger und WhatsApp gelingt es dem Konzern offenbar, noch immer halbwegs gezielte Inhalte auszustrahlen.

Die Aktie von Facebook ist bereits seit Anfang September deutlich zurück gekommen (-15%). Nachdem im Internet Dokumente über die Schädlichkeit der sozialen Plattform bekannt geworden waren, flüchteten Anleger aus der Aktie. Die schwachen Zahlen zum Wochenbeginn vergangener Woche haben den Ausverkauf nochmals beschleunigt.

Gestern stellte Mark Zuckerberg nun das Metaversum vor: Eine Parallelwelt zu unserem Universum, in dem man verschiedene Charaktere annehmen kann, mit – oder besser noch – von historischen Figuren lernen kann und seine Freunde und Verwandte neben sich auf dem Sofa sitzen lässt, obwohl sie eigentlich hunderte Kilometer entfernt sind. Facebook werde die Tools zur Verfügung stellen, mit dem das Metaversum gebaut (programmiert) wird. Außerdem werde Facebook Plattformen bilden, die dem Metaversum angeschlossen würden, so Zuckerberg. 10 Mrd. USD investiere Zuckerberg in das Metaversum noch in diesem laufenden Jahr!

Das Metaversum wird bereits mit dem Internet verglichen: In den 80er Jahren galt ich noch als Freak, wenn ich erzählte, dass ich einen Internetzugang habe (ich bin übrigens Deutschlands erster privater Internetnutzer). Was ich denn damit anfangen wolle, lauteten die ungläubigen Fragen. Heute wird das “Internet” auf unzählig vielfältige Weisen genutzt.

Das Metaversum ist aus diesem Betrachtungswinkel nicht einfach eine virtuelle Realität für Spieler, sondern der Einstieg ins Holodeck von Star Trek. Ob man dort seinen Urlaub oder seine Freizeit verbringt, ob man lernt oder seine Freunde trifft, das bleibt jedem selbst überlassen. Unternehmen werden Entwickler dort zusammenbringen, die Kleidungsindustrie wird es ihren Kunden ermöglichen, Kleidung virtuell anzuziehen, um zu sehen, wie man darin aussieht.

Einzelne Anwendungen gibt es bereits. Doch es ist jeweils extrem aufwändig den 3D-Avatar des Nutzers zu bilden, die VR-Brille zu kaufen und einzurichten, die gesamte Software zu entwickeln. Nvidia baut an einem Metaversum, das offen ist für alle und mit individuellen Anwendungen genutzt werden kann. Facebook hat nun einen Bereich bekannt gegeben, den er für seine 2 Mrd. Nutzer erschließen möchte: die soziale Interaktion. Natürlich sind Spieler die ersten, die darauf aufspringen, entsprechend hat Facebook ein Autorennen bereits beispielhaft in das eigene Metaversum gebracht.

Der Konzernname “Meta” ist vor diesem Hintergrund doppelt gut gewählt: Zum einen zeigt er, für wie wichtig Mark Zuckerberg das Metaversum hält. Zum anderen ist die Namensänderung nach den vielen Skandalen des Konzerns überfällig, um die Skandale in Vergessenheit zu bringen.

Apropos Skandale: Ich werde nun wieder viele E-Mails von Ihnen erhalten, in denen Sie sich darüber beschweren, dass gerade Facebook doch der schlechteste Anbieter im Metaversum sei: Man müsse für die Nutzung viel mehr persönliche Daten hergeben als zuvor. Und Facebook hat immer wieder bewiesen, dass sie damit nicht verantwortungsvoll umgehen können. Das ist richtig.

Doch ich unterscheide zwischen Wünschen und der Realität. Ich würde mir wünschen, ein anderes Unternehmen erobert das Metaversum. Doch die Realität ist, dass Meta (vormals Facebook) die weltweit größte Nutzerbasis besitzt und Menschen, die im Metaversum mit anderen Menschen interagieren möchten, werden den Zugang zum Metaversum wählen, den die meisten nutzen. Der Erfolg Zuckerbergs ist damit fast schon garantiert.

AMAZON KÄMPFT GEGEN GLOBALE LIEFERKETTENPROBLEME

Wenn ich Ihnen verrate, dass Amazon im Jahr 2020 coronabedingt das Geschäft des Lebens gemacht hat, dann werden Sie gähnen: Das wussten Sie schon, oder? Trotzdem befindet sich das Unternehmen weiter auf Wachstumskurs: +15% im abgelaufenen Quartal on Top des Corona-Rekordquartals von vor einem Jahr. 110,8 Mrd. USD wurden umgesetzt, Analysten hatten jedoch 111,55 Mrd. USD erwartet. Die Erwartungen wurden also um eine Nachkommastelle verfehlt.

Auch der Gewinn enttäuschte: 4,9 Mrd. USD statt 5,1 Mrd. USD und immerhin ein Rückgang um 21% gegenüber den 6,2 Mrd. USD von vor einem Jahr. Höhere Kosten aufgrund des Personalmangels und der globalen Lieferkettenprobleme führten zu zusätzlichen Kosten in Höhe von 2 Mrd. USD bei Amazon. Die Probleme lassen sich nicht so einfach lösen, für das laufende Q4 befürchtet Amazon, dass diese Kosten sich auf 4 Mrd. USD verdoppeln.

Die letzte Meile ist teuer geworden. Ein Gemisch aus fehlendem Personal und teuren Spritkosten lässt Unternehmen wie DHL, FedEx und UPS freie Hand bei Preiserhöhungen. Aber auch der Containertransport aus China ist angesprungen, vor einem Jahr kostete der Transport eines Containers aus China an die westamerikanische Küste nur ein Fünftel des heutigen Preises.

Amazon hat sich das Prinzip Henry Fords zum Leitbild gemacht: “Wenn ich getan hätte, was meine Kunden wünschten, hätte ich schnellere Pferde gezüchtet.”, wird Henry Ford zitiert. Dahinter steckt die Aussage, dass er als Unternehmer besser wusste, was seine Kunden wirklich wollten: Erschwingliche Autos. Auch Amazon hat in den vergangenen 25 Jahren immer wieder bewiesen, dass es besser weiß, was die Kunden wünschen: schnelle Lieferung frei Haus. Um diesen Wunsch zu erfüllen, hat Amazon immer wieder Haus und Hof investiert, um die Logistikketten zu verbessern.

So auch heute: die 4 Mrd. USD, die Amazon schon heute als Zusatzkosten für Q4 in Aussicht stellt, werden in die Logistik investiert. Zusätzlich wolle man 1 Mrd. USD in den Ausbau der digitalen Angebote (Prime Video & Musik, AWS, etc.) stecken. Und in diesen Kosten ist noch nicht enthalten, dass mehr Zeitarbeiter zu höheren Kosten als Festangestellte geholt werden müssen, um das gestiegene Volumen zu wuppen. Das kostet eine weitere Milliarde.

Das ist ja eine ganze Liste von Schreckensnachrichten, die sich auf 6 Mrd. USD Zusatzkosten in nur einem Quartal summieren. Und dann ist da noch die im Vergleich zum Coronajahr nachlassende Wachstumsgeschwindigkeit. Die Amazon Aktie ist heute mit 4% im Minus.

Übersehen wird dabei, dass der Umsatz von Amazon Web Services AWS um 39% auf 16 Mrd. USD angestiegen ist. Abonnementeinnahmen wuchsen um 23% auf 8 Mrd. USD. Beide Rubriken übertrafen damit die Erwartungen der Analysten.

Amazon hat ein Problem auf hohem Niveau: Mehr Nachfrage als Angebot. Das lässt sich lösen und Amazon investiert entsprechend. Unzählige Male waren solche Phasen gute Einstiegsgelegenheiten. So wird es auch dieses Mal sein. In den kommenden Tagen werden Analysten mit gesenkten Erwartungen die Aktie immer wieder belasten, bevor die Aktie ihren Boden findet. Mag sein, dass die Aktie noch ein paar Prozent verliert. Doch auf Sicht von 1-2 Jahren dürfte dieser Kurs eine gute Kaufgelegenheit darstellen.

APPLE VERFEHLT ERWARTUNGEN

Es ist selten, dass Apple die Erwartungen verfehlt (das letzte Mal war es 2017), aber dieses Mal ist es passiert – und zwar durch viele Geschäftsbereiche hindurch. Der Umsatz stieg um 29% auf 83 Mrd. USD und verfehlte die Erwartungen um 2%. Der Gewinn je Aktie sprang wie erwartet um 70% auf 1,24 US an.

Tim Cook beziffert die Kosten für den Chipmangel, der so ziemlich alle Apple-Produkte betreffe, auf 6 Mrd, USD. Für das laufende Q4 würden diese Kosten eher noch ansteigen, so Cook.

Zum Verständnis: iPhone und Mac verwenden “intelligente” Chips. Davon gibt es genug, da bestehen keine Probleme. Allerdings sitzen noch unzählige dumme Chips in jedem Gerät, bspw. um die Stromversorgung des Lautsprechers zu steuern, oder ähnliche kleine, genau umrissene Aufgaben zu übernehmen. Diese Chips gibt es nicht. Und wenn von den 500 Einzelteilen, aus denen ein MacBook zusammen gesetzt wird, ein Teil fehlt, dann kann MacBook nicht verkauft werden.

iPhone, Mac und Wearables (Watch & EarPods) verfehlten ihre Absatzziele. Lediglich der Verkauf von iPads konnte positiv überraschen. Immerhin konnte der Verkauf der Apple-Dienste mit 26% Wachstum auf 18 Mrd. USD die Erwartungen deutlich übertreffen. Es ist der einzige Bereich im Apple-Konzern, der von den globalen Lieferkettenproblemen und dem Chipmangel unabhängig ist.

Genau wie bei Amazon werden Analysten nun auch für Apple die Erwartungen für das laufende Jahr senken und damit die Aktie weiter unter Druck setzen. Heute beträgt das Minus 4%. Die Aktie notiert nah an ihrem Allzeithoch, eine gewisse Konsolidierung nach dieser Enttäuschung ist also zu erwarten.

Ungeachtet dessen gilt auch für Apple, dass die Probleme auf der Angebotseite bestehen, nicht auf der Nachfrageseite. Die Nachfrage ist robust wie eh und je. Wer im Apple-Ökosystem unterwegs ist, wird lieber ein paar Monate auf ein neues iPhone oder einen neuen Mac warten, als zu einem Wettbewerber überzuspringen. Der aktuell verlorene Umsatz dürfte meiner Einschätzung nach also nur verschoben werden, nicht verloren.

Ich warte beispielsweise seit drei Jahren sehnsüchtig auf einen Mac, der meinen Ansprüchen genügt. Die neue Pro-Serie erfüllt alle meine Wünsche und ich habe einen neuen Mac bestellt. Ob der nun diese Woche, nächste Woche, nächsten Monat oder erst nach Weihnachten kommt, ist mir bei dieser Entscheidung relativ egal. Das Gerät werde ich vermutlich die kommenden fünf Jahre nutzen.

Für die kommenden fünf Jahre erwarten Analysten ein Gewinnwachstum von 20% p.a. Das KGV von 26 ist vor diesem Hintergrund in meinen Augen günstig.

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Wer noch mehr zu Quartalszahlen wissen möchte, der kann gerne in Kapitel 05 unter den Updates weitere Einzelheiten zu Paypal, TeamViewer, Flatex, BioNTech, Airbus, der Münchener Rück, BASF und Spotify nachlesen.

Die Sentimentanalyse der letzter Woche kann als Bestätigung der Prognosen von vor zwei Wochen betrachtet werden. Massive Ungleichgewichte wurden aufgelöst, insbesondere am Zinsmarkt und beim Öl gab es daher interessante Entwicklungen. Für den DAX lässt sich aus dem Anlegersentiment eine konstruktive Ausgangslage für die kommenden zwei Monate ableiten. Mehr dazu lesen Sie in Kapitel 03.

Der aktuelle Ausblick (Kapitel 04) konkretisiert nochmals den Fahrplan an den Aktienmärkten bis Weihnachten: Welche Entwicklungen sind für eine Jahresendrallye erforderlich? Wie kann man anhand der verschiedenen Märkte nachhalten, ob die eigene Erwartung noch eintreten kann, oder aber nicht mehr.

Leserfragen habe ich vor lauter Quartalszahlen nicht geschafft, sorry.

Wie immer gibt es den tabellarischen Überblick über unser Portfolio in Kapitel 06.

Nun wünsche ich eine anregende Lektüre,

take share, Ihr Börsenschreibel

Stephan Heibel

Weiter zur Heibel-Ticker Ausgabe 21/43: https://www.heibel-ticker.de/heibel_tickers/1918

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