Heibel-Ticker Hintergrundwissen: Ölpreis -37 USD/Fass – Vorsicht vor ETFs

Liebe Börsenfreunde,

gestern Abend war das amerikanische Western Texas Integrated Öl (WTI) für -37 USD/Fass zu haben. MINUS! Wer gestern Abend ein Fass Öl abgenommen hat, der bekam dafür 37 USD ausbezahlt. Ich will Ihnen kurz erklären, wie es dazu kam und warum daher Aktien – und nicht ETFs – die beste Anlageform sind.

Es gibt Optionen und es gibt Optionsscheine. Ende der 1980er haben sich die Börsianer den Optionsschein ausgedacht: Ein Papier, das von einem Emittenten ausgegeben wird, meist eine Bank, und dessen Preis sich am zugrunde liegenden Wert orientiert. Bei Fälligkeit erfolgt ein FINANZIELLER Ausgleich, je nachdem, zu welchem Preis der Optionsschein bei Fälligkeit abgerechnet wird.

Im Gegensatz zu OptionsSCHEINEN gibt es auch Optionen. Futures sind beispielsweise Optionen. Ein Future auf den Ölpreis mit Fälligkeit 21.4.2020 wird beispielsweise heute fällig. Der Future wird nun nicht „abgerechnet“, sondern es erfolgt nun die Lieferung derjenigen Menge an Öl, auf die dieser Future sich bezog.

Der Ölpreis, über den täglich in den Medien gesprochen wird, bezieht sich auf den Öl-Future mit der kürzesten Laufzeit. Das ist aktuell der Future, der HEUTE fällig wird. Heute Mittag wird ein Futurepreis auf Öl ermittelt, zu dem dann das Öl im Mai geliefert wird. Wer heute Nachmittag noch einen entsprechenden Future besitzt, muss das zugrunde liegende Öl im Mai entgegen nehmen.

Bereits seit Anfang des Jahres ist der Ölpreis (WTI) von 65 auf 45 USD/Fass Anfang März zurück gekommen. Es wurde zu viel Öl gefördert und weder Saudi Arabien, noch Russland, und ganz bestimmt nicht die USA wollten ihre Fördermengen kürzen. Es gab bereits vor der Coronakrise ein Überangebot.

Im Zuge der Coronakrise ist der Ölpreis dann unter 20 USD/fass eingebrochen. Ein Preisniveau, zu dem niemand mehr profitabel Öl fördern kann. Dieser Preis bestand auch noch in der vergangenen Woche.

Da kamen nun einige Spekulanten auf die Idee, dass ein so niedriges Ölpreisniveau nicht dem tatsächlichen Wert von Öl entspricht. Sie spekulierten darauf, dass es genügend Marktteilnehmer geben werde, die billiges Öl kaufen würden. Somit kauften sie sich Futures mit extrem kurzer Laufzeit, also mit heutiger Fälligkeit, und spekulierten auf eine Erholung.

Als diese nach diesem Wochenende nicht kam, sondern stattdessen Meldungen über volle Öltanks, Öllagerstätten, Tankschiffe bis hin zur US-Ölreserve veröffentlicht wurden, mussten sie ihre Futures um jeden Preis verkaufen.

Spekulanten unterscheiden sich von denjenigen, die eigentlich mit Futures handeln sollten, dadurch, dass sie kein Öl benötigen, sondern nur auf die Preisveränderung spekulieren. Doch eigentlich sollte es der Futures-Markt Industrieunternehmen ermöglichen, die Einsatzstoffe der Produktion zu frühzeitig fest kalkulierbaren Preisen zu beschaffen. Auf der anderen Seite sollen die Ölproduzenten frühzeitig die Möglichkeit haben, den Verkaufspreis ihrer beabsichtigten Förderung festzuzurren.

Futures-Spekulanten MUSSTEN gestern also ihre Futures verkaufen. Sie fanden jedoch keine Abnehmer und dadurch rauschte der Ölpreis binnen weniger Minuten auf Null … und dann weiter bis auf -37 USD/Fass.

Vielleicht hilft es, wenn Sie sich vorstellen, dass die Käufer der Furutes 37 USD/Fass erhalten und damit nun Lagerkapazitäten beschaffen müssen.

So konnte der Ölpreis ins Negative abrutschen. Und auch heute noch dürfte der Ölpreis negativ, oder zumindest nahe Null bleiben.

Morgen, wenn dann der aktuelle Future ausgelaufen und abgerechnet ist, wird der nächste Future für die Ermittlung des Spot-Preises herangezogen: Der Juni-Future mit Fälligkeit Mitte Mai. Sie werden sehen, schon morgen notiert der Ölpreis wieder deutlich über Null USD/Fass.

CORONAKRISE ALS URSACHE

Der Streit zwischen Russland und Saudi Arabien wird häufig als Ursache für den Ölpreisverfall genannt. Bei näherem Hinsehen würde ich jedoch sagen, dass die Coronakrise die Hauptursache ist. Zwar haben die OPEC+-Staaten und auch die USA vor kurzem eine Föderkürzung der weltweiten Ölförderung von 100 auf 90 Mio. Fässer am Tag beschlossen, doch glerichzeitig sind 95% der Lufthansa-Flieger am Boden, der Berufsverkehr ist weltweit zum erliegen gekommen, die Öl-Nachfrage ist Schätzungen zufolge auf 70 Mio. Fässer am Tag zusammen gebrochen.

Wohin mit dem Öl? Häufig ist es teurer, die Ölförderung stillzulegen, als das Öl einfach für einen überschaubaren Zeitraum zu verschenken. Die Ölpreisentwicklung hängt also maßgeblich von der Entwicklung der Wirtschaft und von den Maßnahmen wegen Covid-19 ab. Der Ölstreit ist da fast schon vernachlässigbar.

FINGER WEG VON VIELEN ETFs

Gerüchten zufolge handelt es sich um einen großen Öl-ETF, der gestern liquidieren bzw, rollen musste.

Ein ETF auf Öl bildet die Ölpreisentwicklung ab. Das wird mit Hilfe von Futures gemacht. Zur Fälligkeit muss der E,mittent des ETFs dann die auslaufenden Futures durch Futures mit längerer Laufzeit ersetzen. Es werden also die auslaufenden Futures verkauft, Futures mit längeren Laufzeiten werden gekauft.

Gestern soll ein großer ETF, so das Gerücht, seine Futures im Rahmen von Liquidationsverkäufen (also unlimitiert) auf den Markt geschmissen haben. Wir dürften also, wenn das Gerücht stimmt, in den kommenden Tagen von einem ETF-Emittenten hören, der Pleite gegangen ist.

ETFs auf Rohstoffe sind etwas anderes als ETFs auf Aktien oder auf einen Aktienindex. Ich halte ETFs auf den DAX, S&P oder ähnliches für akzeptable Anlageinstrumente, denn damit können Sie eine große Diversifizierung für wenig Geld erreichen.

Doch gerade in diesen Tagen zeigt sich, dass eine sinnvolle Aktienauswahl jedem Index überlegen ist: Viele Indexkomponenten leiden unter der Coronakrise und wer jetzt auf entsprechende DAX-ETFs setzt, der kauft auch Lufthansa und MTU Aero.

FAZIT

Einmal mehr zeigen sich FEHLER in unserem Finanzsystem: Eine ordentliche Preisfindung in Abhängigkeit vom Nutzen/Wert für Öl funktioniert nicht mehr, Zocker haben auch diesen Markt kaputt gemacht.

Ich fürchte, die Coronakrise wird im Nachgang noch die eine oder andere weitere Verwerfung erzeugen. Um so wichtiger ist es, weiterhin auf die funktionierenden Pferde zu setzen: Edelmetalle, Technologie & Gesundheit.

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Ihr Börsenschreibel
Stephan Heibel

Chefredakteur und Herausgeber des Heibel-Ticker

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