Börsenanalyse: Goldige Zeiten voraus

WolSchZwei wichtige Dinge sind passiert, die heute zu einer kleinen Rallye an den Börsen führen: Erstens Deutschlands Wirtschaftsminister Wolfgang Schäuble hat sich klar für eine Rettung Griechenlands ausgesprochen und zweitens US-Präsident Obama ist auf Schmusekurs mit Goldman Sachs und J.P. Morgan gegangen.

Für die Schnellleser: Ich bin überrascht, dass selbst Schäuble nun nach links umfällt, kaufen Sie Gold. Und ich bin beruhigt, dass Obama seinen Feldzug gegen die Banken und Broker nunmehr relativiert, kaufen Sie die Banken!

Aber im Einzelnen: Von 1990 bis 1995 habe ich in Würzburg Volkswirtschaftslehre studiert. Professor Issing, der zunächst die Geldpolitik der Bundesbank maßgeblich bestimmte und sodann als einer der Architekten des Euros bis vor kurzem der zuständige Geldpolitiker der EZB war, brachte uns die Idee des Euros näher. Ich habe keine Vorlesung von ihm verpasst, dies kann ich von keinem anderen Professor behaupten.

Weiter haben meine damaligen Professoren Bofinger und Berthold damals die Einführung des Euros heftig kritisiert. In den Vorlesungen wurde teilweise heftig diskutiert. Kern der Kritik war der fehlende Mechanismus für eine Behandlung von Staaten, die den Defizit-Kriterien, die den Euro stabil halten sollen, nicht entsprechen.

Heute, knapp zwei Jahrzehnte später, stehen wir an dem Punkt, an dem die damalige Diskussion zur Realität wird: Wie verfahren wir mit Griechenland? Issing hätte damals gesagt: Scheitern lassen, die müssen da aus eigener Kraft heraus. Bofinger hätte damals gesagt: Ein Scheitern lässt sich ohne Mechanismus niemals politisch durchsetzen.

Dass nun gerade Wolfgang Schäuble, der schon damals aktiv in der Regierung die Euro-Einführung begleitete, die vermeintliche Rettung Griechenlands (und damit den ersten Nagel des Sarges für den Euro einschlägt) unter dem Vorwand der Euro-Stabilität durchzusetzen versucht, ist für mich irrwitzig, wenn nicht irr – denn witzig finde ich das nicht.

Die Argumente der Euro-Befürworter unter Verzicht auf den Defizitverfahrensmechanismus (endlich, ich kann es in einem Wort ausdrücken) beriefen sich auf die Arbeitsmarktpolitik, über die sich entsprechende Probleme einzelner Länder ausgleichen würden: Die Griechen würden das Land verlassen und anderswo Arbeit suchen. Wenn man ein Land in den Ruin wirtschaftet, dann soll das wohl so sein.

Ich habe schöne Urlaube in Griechenland verbracht und ich habe einige sehr nette Halbgriechen in meinem Umfeld. Bitte werfen Sie mir also nicht vor, ich hätte etwas gegen Griechenland. Träfe es Portugal, wo ich sogar einige Jahre gelebt habe, würde ich genauso argumentieren. Die Gefahr eines „Dominoeffektes“ ist in meinen Augen zu groß. Welchen Anreiz haben Portugal, Italien oder Spanien, sich zu kasteien, wenn am Ende ohnehin Deutschland als Retter einspringt und „ach so strenge“ Auflagen gibt, die aber für das jeweilige Defizitland noch immer tausendmal besser sind als wenn man das Land sich selbst überlassen würde. Schäuble will ja das Auswandern der Griechen verhindern und dazu muss Griechenland noch ein wenig attraktiv gehalten werden.

Meiner Ansicht nach wird es den Dominoeffekt geben. Es ist einfach viel zu attraktiv für Politiker, ein kleines Land mit einer exzessiven Ausgabenpolitik schön zu machen, den Bürgern das Leben schön zu machen und am Ende ein paar „ach so schlimme“ Strafen von der EU auferlegt zu bekommen. Zumal diese Strafen aller Wahrscheinlichkeit dann von einem anderen Politiker ausgebadet werden müssen.

Die Folge für den Euro ist eine schleichende Abwertung, da die Geldmenge zu stark ausgeweitet wurde. Die Folge für Deutschland ist eine Belastung unseres Haushalts. Gelder, die wir für den Winterdienst bräuchten (hier in Hamburg ein ernsthaftes Problem!) werden nun auf die Kykladen geschickt.

Wenn wir Griechenland im Regen stehen ließen, dann können wir mit einem lauten Knall rechnen. Griechenland müsste Anlegern gegenüber ein tragfähiges Sparprogramm aufzeigen. Nur wenn dies gelingt würden Anleger weiter griechische Staatsanleihen kaufen und Griechenland hätte eine Chance, den Euro als Währung zu behalten. Andernfalls, wenn Anleger nicht zu überzeugen wären, dann wäre Griechenland irgendwann Pleite. Es müsste aus dem Euro-Verbund ausscheiden und eine eigene Währung einführen. Die Schockwellen für die Wirtschaft wären heftig, da Griechenland eng in der EU verflochten ist.

Wir sind also wieder bei der Gretchenfrage: Lieber eine Fehlentwicklung am Anfang eskalieren, kurzfristig großes Leid erfahren, dafür aber langfristig sauber aufgestellt sein oder aber auftauchende Missstände kontinuierlich verschlimmbessern, bis das ganze System kollabiert (Finanzkrise 2)? Als Volkswirt bin ich stets für den ersten Weg. Als Politiker muss man stets für die kurzfristig verträglichere zweite Lösung sein, sonst wird man nicht mehr gewählt. Schade.

Was bedeutet dies für uns? Nun, egal, ob wir den Gürtel enger schnallen und damit reale Werte kostbarer werden und der Goldpreis steigt oder aber ob wir mit der Begründung, wir hätten ja Griechenland geholfen, mit unserem Haushaltsbudget künftig dann ebenfalls etwas über die Stränge schlagen und dadurch die Inflationsrate treiben, Gold ist stets eine gute Anlagealternative.

Da es durch die Schäuble-Lösung nun kurzfristig nicht zu Turbulenzen kommen sollte, wird der Goldpreis also nicht kurzfristig als sicherer Hafen ausgesucht werden, sondern lediglich von langfristig orientierten Anlegern, die der Geldentwertung entgegenschreiten wollen. Gold ist also nichts für Zocker, sondern nur eine sinnvolle Ergänzung für ein langfristig ausgelegtes Portfolio.

Kurz noch zu Obama: Er hat gestern in einer Rede explizit die Bonusregelungen von Goldman Sachs und J.P. Morgan gelobt. Deren CEOs Lloyd Blankfein und Jamie Dimon seien herausragende Manager und hätten ihren Bonus in Unternehmensanteilen erhalten, die in den nächsten fünf Jahren nicht verkauft werden können. Nachdem Obama mit Sondersteuer und „Banken müssen für die Rettungsaktionen zahlen“ ziemlich stark gegen die Banken vorgegangen war, erscheint die gestrige Rede wie ein Richtungswechsel.

Mal sehen, wie das seine Politik beeinflusst. Zumindest scheint damit die Gefahr eines vollständig zerstörerischen Feldzuges gegen die Banken gebannt. Ich denke, dass die Bankaktien nach den heftigen Abschlägen der vergangenen Wochen nun bald eine Gegenbewegung erleben sollten.{weiter[40|9]}

Hi I'am Stephan Heibel

Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs

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