März 2011



Sehr geehrter Herr Heibel,

ich möchte Ihnen gerne ein paar Fragen zu den momentanen Entwicklungen am Energiemarkt stellen bzw. ein paar Überlegungen dazu mitteilen.

Ich war von Ihrer Solarstudie 2010 sehr beeindruckt und habe dank Ihnen die Branchenkonsolidierung auch als solche vorwegnehmen können. Sonst wäre ich vielleicht wieder zu früh eingestiegen, denn ich hatte schon mehrmals kurzfristig schöne Gewinne durch SWV und CTN einfahren können.

So ist es mir ein Rätsel, warum Sie nicht jetzt nach der Atomkatastrophe in Japan geraten haben, CTN ins (Kurzfrist-)Depot aufzunehmen. Ich bin erst am Montag nach dem Unglück eingestiegen, doch es hat sich schon gelohnt. Ich schätze auch, dass wir diesen Kurs so schnell nicht wieder sehen werden.

Langfristig wird sich der Energiemarkt verändern, und es gibt schon einige heiße Unternehmen, die davon profitieren werden. Heiß in dem Sinn, dass sie ein solides Geschäftsmodell und eine gute Marktstellung haben. Dabei denke ich vor allem an SMA (S92), SIE, Vestas (VWS), Schneider Electric (SND), Aixa, die von Ihnen empfohlene PSAN und die zwei vorhin genannten. Solche  Argumente, wie der Atomstrom oder das Erdöl sind billiger, ziehen nicht mehr länger. Die Leute sind es leid, sich von der Politik und der dazugehörigen Lobby belügen zu lassen. Die Informationspolitik in Japan sowohl seitens der Betreiber als auch der Behörden ist nämlich nicht die Ausnahme.

Nimmt man die Folgekosten mit ins Kalkül, dann lässt sich diese Art der Energie einfach nie und nimmer bezahlen. Ich denke dabei an Klimaveränderung durch Treibhauseffekt, Umweltzerstörungen durch Erdöl (Golf von Mexiko, sämtliche Tankerhavarien und Gepflogenheiten, wie Rückstände einfach ins Meer zu entsorgen) und jetzt die nächste große Atomkatastrophe, die auf zig-Tausend-Jahre(!!!) ein Leben in der näheren Umgebung unmöglich macht und all das menschliche Leid und die Krankheiten, die dadurch verursacht werden; ganz zu schweigen von den vielen kleinen Pannen im Nachbar-AKW, von denen der Bürger sowieso nichts oder erst im Nachhinein erfährt, mit der zeitweisen erhöhten Strahlung sollten wir uns doch schon abgefunden haben, sowie das Problem der atomaren Endlagerung – wer soll das bitte wie bezahlen?

Sie sehen, ich bin ziemlich betroffen und ich habe es satt, mir laufend Beschwichtigungsversuche anzuhören und zur Tagesordnung überzugehen, ohne dass sich etwas verändert. Ich denke, wir haben durch dieses Unglück eine historische Chance bekommen, unsere Energieversorgung nachhaltig zu verändern, und die möchte ich als mündige Bürgerin und Investorin nützen.

Nun würde mich Ihre Einschätzung zur Entwicklung des Energiemarkts interessieren. Vielleicht kennen Sie auch den Artikel aus finanzen.net schon:

http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Euro-am-Sonntag-Titel-Die-gruene-Energie-Revolution-1078957

Ich würde mich freuen, wenn Sie dazu Stellung nehmen könnten. Außerdem würde ich Sie ersuchen, bei Gelegenheit wieder auf Cisco einzugehen. Ich denke, wir haben hier den Boden erreicht, und es bietet sich eine Einstiegsmöglichkeit für eine langfristige Investition.

Ich würde es außerdem begrüßen, wenn Sie nicht alle Ihrer einmal empfohlenen Kandidaten aus den Augen verlieren würden. SGL hatte bspw. durch den VW-Einstieg eine kurzfristige Tradingchance geboten. Für mich persönlich ist es kein Wert für das langfristige Depot (weil die 10-Jahres-Entwicklung (noch) nicht die Beständigkeit zeigt, die ich mir erwarte – (Cisco im Gegenzug schon), aber für kurzfristige Engagements trotzdem eine Option.

Danke auf alle Fälle für Ihre interessanten Einschätzungen, auch wenn ich mit Ihren Kaufempfehlungen nicht immer einverstanden bin. Ich warte jeden Freitag auf Ihren Newsletter, er ist mir bereits lieb gewonnener Begleiter für meine Börsengeschäfte geworden. Und die Datei im pdf-Format ist wirklich eine Bereicherung!

Viele sonnige Grüße aus Steyr, Österreich, Martha

ANTWORT:

Besten Dank für Ihre Ausführungen.

PSI ist ein attraktiver Kandidat im Energiemarkt, weil die vorhandene Energiegewinnung effizient verteilt wird (Steuerung komplexer Systeme). Die Erneuerbaren Energien wurden lange Zeit gefördert und haben nun, ob mit oder ohne Atomunglück, eine Reife erreicht, in der die Förderungen gekürzt werden können. Es werden sich in wenigen Jahren einige wenige Gewinner herausbilden. Dieser Prozess wird meines Erachtens von einem Schwenk weg von Atomenergie nur sehr gering beeinflusst. Daher bleibe ich weiterhin auf der Suche nach anderen Energieunternehmen.

Cisco: Das Unternehmen hat eine Entwicklung verschlafen und bekommt von Juniper den Markt abgegraben. Kann sein, dass Cisco zwischendurch Achtungserfolge erzielt, doch ich würde erst auf einen nachhaltigen Turnaround warten, bevor ich dort wieder einsteige. Und dazu ist es mMn noch zu früh.

BP-Desaster: Die Menschen baden schon wieder im Golf von Mexiko. Die Prognosen, Urlaubsgebiete seien auf zehn bis zwanzig Jahre nicht mehr nutzbar, haben sich als Panikmache herausgestellt. Ich will das Unglück dort nicht kleinreden, doch es wird schon wieder fleißig im Golf von Mexiko nach neuen Ölquellen gebohrt, und sämtliche Ölplattformen fördern mit  voller Kraft. Da muss ich die abschreckende Wirkung der Katastrophe als nicht sehr nachhaltig einstufen.

Gas: Ist eine gute “Übergangslösung”, um von Atom und Öl zu Regenerativen Energien zu wechseln.

Effizienz: Philips und Aixtron habe ich hier schon im Auge und Aixtron habe ich bereits mehrfach besprochen.

Ja, wir leben in spannenden Zeiten und haben eine vielleicht einmalige Chance, nunmehr den Wechsel zu Regenerativen Energien schneller als gedacht umzusetzen. Doch dazu benötigen wir eine andere Infrastruktur als heute vorhanden, und ich suche derzeit lieber Unternehmen, die an der Infrastruktur arbeiten.

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Lieber Herr Heibel,

nachdem mir Ihr Börsenbrief ein paar nette Einnahmen beschert hat, “partizipieren” Sie in Form des Updates. +smile+ Zur Sicherheit habe ich schon mal meine Handy-Nummer eingetragen.
Was ich super fände, wären Infos/Empfehlungen zum Stopp Loss in diesen volatilen Zeiten. Oft stoppt man sich einfach – sorry, total “dämlich” aus.

Herzliche Grüße, Claudia aus Nürnberg

ANTWORT:

Ich habe aufgehört, Stopp Loss Marken zu publizieren. Das Resultat war regelmäßig, dass der Kurs der Aktie irgendwann einmal in den Keller bis kurz unter den Stopp Loss rauschte, alle Verkaufsaufträge meiner Kunden aktiviert und abgefischt wurden, und am Abend stand der Kurs bereits wieder 2-3%, in einem Fall sogar 7% höher. Seither empfehle ich, nur noch im Ausnahmefall mit Stopp Loss Aufträgen zu arbeiten.

Stopp Loss Marken habe ich wohl, und ich verwalte sie im Musterdepot. Sobald eine Marke über- / unterschritten wird, erhalte ich eine Nachricht und entscheide, ob ich meinen Kunden eine Handlungsempfehlung zustelle. Dazu ist der SMS-Dienst eingerichtet worden.

Das ist ziemlich arbeitsaufwendig, und Sie werden es mir als Werbefachfrau nicht glauben, dass ich diesen Dienst aus der Not heraus geboren habe, nicht um mehr Geld zu verdienen: Ich würde lieber mit automatischen Stopp Loss Marken arbeiten und mich dann in der Woche zurücklehnen – doch das funktioniert bei unseren Finanzmärkten eben leider nicht.

Also: Stopp Loss Marken bitte nur im Kopf oder auf dem Papier verwalten, nicht aber Ihrer Bank mitteilen. Dadurch geben Sie ihre Verkaufsmarken bekannt und Sie können darauf warten, dass Sie dort einmal abgefischt werden.

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Nach meinem Update kurz nach den schrecklichen Ereignissen in Japan erhielt ich viele Kommentare meiner Leser, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Zunächst hier nochmals das Update vom 15.3.2011:

Die Situation in Japan bleibt kritisch. Es erreichen mich immer
mehr besorgte Anfragen von Ihnen hinsichtlich möglicher
Auswirkungen auf unsere offenen Positionen. Ich will daher
einen kurzen Überblick über meine Einschätzung der möglichen
Folgen geben.

Der Nikkei ist heute um 10,5% eingebrochen. Die japanische
Wirtschaft liegt brach, immer mehr Industrien stellen die
Produktion mangels Strom (Toyota) und zugelieferter
Produktionsteile (Honda: just in time!) ein. Angela Merkel hat
angekündigt, die Atompolitik Deutschlands zu überdenken, und
vor dem Hintergrund der alarmierenden Entwicklungen in
Fukushima finden die Bürgerkriege in der arabischen Welt kaum
noch Aufmerksamkeit.

Es herrscht Chaos und Anleger stürzen sich auf Titel, die von
den aktuellen Entwicklungen profitieren könnten. Die seit
Jahren mit der Pleite kämpfende Conergy hat gestern 70% und
heute nochmals 60% zugelegt. Man könnte meinen, die
Atomkraftwerke unserer Welt werden morgen abgeschaltet und
durch Solarenergie ersetzt.

Auf der anderen Seite werden Atomkraftbetreiber wie RWE oder
E.On ausverkauft. Heute früh trifft es nun plötzlich auch die
deutschen Autobauer Daimler, BMW und VW, die am unteren DAX-
Ende zu finden sind. Warum nun auch unsere Autobauer getroffen
werden, die kaum nach Japan exportieren, kann ich mir
allerdings nicht mehr erklären.

Ich könnte nun schreiben: „Ich erwarte eine Pilzwolke über
Fukushima und Japan wird viele Jahre ohne ausreichend Strom
sein. Die Informationspolitik des AKW-Betreibers Tepco ist
nicht ehrlich, Japan täuscht falsche Fakten vor und einer der
Reaktoren wird jeden Augenblick in die Luft fliegen…“

Mit einem solchen Artikel würde ich mich über die
Wissenschaftler stellen, die fieberhaft an Lösungsmöglichkeiten
arbeiten und würde, mit einer reißerischen Schlagzeile
versehen, viel Aufmerksamkeit erhalten. Die verunsicherten
Menschen würden mir das sogar abnehmen, wenn ich es nur
überzeugt genug schriebe. Wenn nun wirklich ein Reaktor in
Fukushima explodiert, wäre ich ein Held, der das Drama
rechtzeitig erkannt hat und seine Kunden warnte. Und wenn die
Situation unter Kontrolle gebracht werden kann?

Dann wäre man noch nicht einmal böse auf mich, denn ich habe ja
nur die nötige Vorsicht walten lassen und meine Kunden auf das
Schlimmste vorbereitet, oder?

Aber mit einer solchen Panikmache würden Sie kein Geld
verdienen, denn die Kurse sind bereits im Keller.

Stattdessen wollen wir die Situation analysieren und uns auf
die jetzigen Gegebenheiten einstellen. Im Betonmantel eines
Reaktors gibt es bereits Löcher oder Risse und Radioaktivität
ist ausgetreten. Zudem ist die Informationspolitik tatsächlich
nicht befriedigend, der japanische Ministerpräsident hat Tepco
deswegen bereits heftig angegriffen.

Ja, es handelt sich um einen Atomunfall. Aber Wissenschaftler,
die sich bislang zu Wort melden, stellen heraus, dass dieses
Unglück nicht die Auswirkung von Tschernobyl erreichen wird,
weil es einen weitgehend intakten Betonmantel um die Reaktoren
gibt.

Was wäre also, wenn es nicht zu einem Pilz über Fukushima
kommt? Was wäre, wenn die Situation in den nächsten Tagen
langsam in den Griff bekommen wird? Was wäre, wenn Studien
zeigen, dass gerade die AKWs das Erdbeben mit anschließender
Flutwelle besser überstanden haben, als es ein Gaskraftwerk
beispielsweise getan hätte?

Es wird Länder geben, Deutschland und die USA beispielsweise,
die werden nach diesem Erlebnis nie wieder ein neues
Atomkraftwerk zulassen. Das ist ja schon seit Tschernobyl 1986
nicht mehr der Fall. Es gibt aber auch Länder, die werden
weiterhin auf Atomkraft setzen, China hat beispielsweise
gestern erst seine entsprechenden Pläne bekräftigt – trotz
Fukushima.

Und in Japan wird man irgendwann auch mit dem Aufbau der
zerstörten Regionen beginnen. Man wird dort dann viel Zement
(HeidelbergCement) und Stahl (Klöckner, Salzgitter,
ThyssenKrupp) benötigen, um die Infrastruktur wieder
aufzubauen. Ich könnte mir vorstellen, dass Stromgeneratoren
weltweit ausverkauft werden (Deutz, siehe Wunschanalyse vor 10
Tagen).

Deutz gehört zu den Aktien, die mit am stärksten ausverkauft
werden. Ich kann mir das nicht erklären. Das Unternehmen hat
direkt in Japan überhaupt keinen Standort und liefert nach
Auskunft der IR-Abteilung jährlich nur etwas 200-300 Motoren
über Singapur nach Japan. Ich kann den Ausverkauf in Deutz also
nur damit erklären, dass Anleger unkontrolliert einfach alles
auf den Markt werfen und in Panik verfallen.

Doch zurück zu dem Anti-Chaos-Szenario: Die Welt würde nicht
vollständig auf Solarenergie umschwenken, sondern AKWs würden
weiterhin einen maßgeblichen Anteil an der Energiegewinnung
behalten, auch in Deutschland, und die Aktien von Solarworld,
Conergy, Q-Cells, Centrotherm etc. würden wieder auf ihr
ursprüngliches Niveau zurückfallen.

Der Ölpreis dürfte meiner Ansicht nach fallen, egal wie
Fukushima sich entwickelt. Lassen Sie sich nicht von den
Bildern wartender Autos vor japanischen Tankstellen täuschen:
Öl ist nicht gleich Benzin. Aus Öl wird in Raffinerien Benzin
gemacht. Viele Raffinerien sind an der Küste gelegen, um das
von Tankern gelieferte Öl gleich vor Ort zu verarbeiten. Und in
Japan sind nun viele dieser Raffinerien außer Betrieb, sei es
durch Schäden oder auch durch fehlenden Strom. Japan nimmt
derzeit also weniger Öl von den Weltmärkten ab, der Ölpreis
dürfte also fallen.

Dennoch gibt es nicht genug Benzin für die Autos der Japaner,
der Preis an der Tankstelle steigt, das Benzin ist bereits
genau wie der Strom vielerorts rationiert.

In die Ölpreisentwicklung spielt natürlich auch der Bürgerkrieg
in Libyen hinein, sowie auch die Entwicklung in Bahrain. Saudi
Arabien hat 1.000 Soldaten in den Nachbarstaat geschickt, um
das dortige Regime gegen die Aufständischen zu unterstützen. In
den USA werden Stimmen laut, der Iran sei die neue Sowjetunion
und wiegele alle US-verbündeten arabischen Länder gegen das US-
freundliche eigene Regime auf. Während also die Entwicklung in
Japan für einen fallenden Ölpreis spricht, gibt es in der
arabischen Welt ausreichend Gründe für einen anhaltenden
Ölpreisanstieg.

Während ein rückläufiger Ölpreis wie ein Konjunkturprogramm
wirkt, könnte ein weiter ansteigender Ölpreis die Konjunktur
abwürgen.

Der Nikkei brach gestern um 6% ein, heute nochmals um 10,5%.
Der DAX ging gestern um 1,7% ins Minus und am heutigen Tag
nochmals um derzeit 4,7%. Ich denke, bei 6.500 Punkten im DAX
ist das Schreckensszenario in Japan und in der arabischen Welt
ausreichend berücksichtigt, nicht berücksichtigt ist jedoch der
Fall, dass es nicht mehr schlimmer, vielleicht sogar schon bald
etwas besser werden könnte. Es ist daher in meinen Augen
ratsam, heute Aktien zu kaufen.

Mein Standardspruch für diese Situation: Niemand hat jemals
durch Panikverkäufe Geld verdient. Im Gegenteil, denn oftmals
stellt es sich später heraus, dass man gerade am Tiefpunkt der
Korrektur die Nerven verlor und somit viel zu billig verkauft
hat. Ich würde heute das Gegenteil tun: Kaufen.

Womit? Nun, falls Sie Aktien besitzen, die irgend etwas mit
Solarenergie oder anderen erneuerbaren Energien zu tun haben,
sollten Sie die geschenkten Gewinne der vergangenen zwei Tage
jetzt nutzen, um die Positionen zu verkaufen. Die Solarenergie
wird aufgrund des Vorfalls in Fukushima vielleicht langfristig
wieder einen höheren Stellenwert erhalten (hoffentlich!), doch
kurzfristig werden in Japan Diesel-Stromgeneratoren gekauft und
nicht Solarkraftwerke gebaut (Deutz).

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Die Reaktionen meiner Leser zur Benzin-Debatte reißen nicht ab. Daher habe ich Ihnen hier nochmals unsere Trading-Idee und meine Einschätzung zum E 10 Gipfel vom Anfang des Monats zusammengefasst:

Crop Energies – eine Tradingidee vom 4.3.11

Die Südzucker AG hat für die Produktion von Ethanol eine Tochter ausgegliedert, die Crop-Energies. Nur 22% der Aktien befinden sich im Streubesitz, Südzucker hält 70,5%. Der Handel ist somit dünn, bei der Marktkapitalisierung von 460 Mio. Euro sollten jedoch genug Stücke umgehen, um uns zu bedienen.

Über den Nachrichtendienst dpa wurde Klaus Picard, Präsident des Mineralöwirtschaftsverbandes gestern mit den Worten zitiert, die E10-Einführung werde vorerst gestoppt, „das System platzt sonst“. Anleger schlossen daraus, dass die Nachfrage nach Bioethanol, wovon eben 10% in unser Benzin gemischt werden sollen, einbrechen wird. Die Aktienkurse von Anbietern von Bioethanol wie Verbio (-8,6%) und CorpEnergies (-14,73%) brachen ein.

Zu Unrecht, wie ich meine. Zum einen ist die Einführung des E10 nichts weiter als die Umsetzung einer EU-Verordnung. Das kann die Mineralölwirtschaft nicht einfach stoppen. Und zum anderen produziert gerade CropEnergies bereits an der Kapazitätsgrenze und profitierte kaum vom Nachfrageschub nach Bioethanol durch E10. Bereits die Einführung von E5 hat ausgereicht, um alle Getreidefelder von Crop-Energies für die Bioethanol-Produktion einzusetzen.

Doppelter Verdienst

CropEneriges verdient gleich zweimal am angebauten Getreide: Aus etwa 2,7 Tonnen Getreide wird etwa 1 Tonne Bioethanol gewonnen. Die verbleibenden etwa 1,5 Tonnen Rest werden zu Tierfutter gemacht und verkauft.

Der Getreidepreis ist in den vergangenen Monaten explodiert: Unwetter in Australien sowie eine gestiegene Nachfrage haben den Preis für Weizen beispielsweise um 4,25 auf bis zu 9,17 USD/Scheffel nach oben getrieben.

Im Kielwasser des weltweiten Getreidepreisanstiegs hat sich auch der Aktienkurs von CropEnergies von 3 auf 6,50 Euro mehr als verdoppelt. Da war die Einführung des E10 Benzins nur noch ein Zusatz, der für gute Stimmung sorgte. Der Verdienst jedoch wird durch den Preis für Getreide auf den Weltmärkten definiert, die Produktionsmenge von den verfügbaren Anbauflächen.

Ein stoppen der E10-Einführung hätte also nur eine sehr geringe Auswirkung auf CropEnergies.

EU-Verordnung wird umgesetzt

Die Kritik von Klaus Picard richtet sich ausschließlich an die mangelhafte Informationspolitik bei der E10-Einführung. Autofahrer tanken aus Verunsicherung darüber, ob ihr Auto E10 verträgt, lieber andere Benzinsorten. Zu Recht, wie Ihr Autor feststellen musste: Unser Golf mit FSI-Motor gehört zu den wenigen Modellen, die offensichtlich kein E10 vertragen. Wenn selbst beim Massenfahrzeug Golf Probleme auftreten können, und die Probleme sollen sehr gravierend sein, dann kann ich die Vorsicht der Autofahrer verstehen.

Meine Anfragen bei VW, telefonisch sowie schriftlich, bleiben übrigens seit nunmehr 5 Tagen unbeantwortet. Auch hier zieht sich die mangelhafte Informationspolitik durch.

Doch ungeachtet dessen wird E10 kommen, denn wir werden in Deutschland eine Mindestmenge von Bioethanol verbrauchen müssen. Wenn nun die Einführung nicht so reibungslos verläuft, wie sich das Politiker und Mineralölwirtschaft gewünscht hätten, so wird die Einführung jedoch nicht in Frage gestellt.

Kurseinbruch völlig übertrieben

Der Kurseinbruch um 14,73% ist also meines Erachtens völlig überzogen. Ich kann mir gut vorstellen, dass CropEnergies bis Mitte nächster Woche den Großteil des Kursverlustes wieder gut macht.

Wer also eine sehr kurzfristige Spekulation eingehen möchte, ohne sich mit den fundamentalen Daten des Unternehmens weiter zu beschäftigen, der kann heute zu Börsenbeginn versuchen, ein paar Aktien von CropEnergies zu Kursen bis 5,65 Euro zu kaufen. Bis Ende nächster Woche dürfte der gestrige Kurseinbruch meiner Einschätzung nach ausgeglichen sein.

Nun ruft Brüderle alle Beteiligten zu einem „Benzin-Gipfel“ zusammen. Das ist bereits das erste Zeichen, dass die gestrige Reaktion übertrieben und ungerechtfertigt war. Die Kurse dürften also bereits recht schnell wieder auf das ursprüngliche Niveau zurückschnellen.

E10-Gipfel – Update vom 8.3.2011

Der „Benzin-Gipfel“ gipfelte im lobenden Schulterklopfen aller
Beteiligten, in der gemeinschaftlichen Feststellung, den
deutschen Autofahrer falsch eingeschätzt zu haben und der
Willensbekundung, nun gemeinsam die E10-Einführung
voranzutreiben. Für unsere Spekulation (Tradingidee #3 vom
vergangenen Freitag), die aufgrund der Verunsicherung, die am
Wochenende nur noch weiter geschürt wurde, schon wieder unter
unser Einstiegsniveau gerutscht war, ist das Ergebnis des
Gipfels positiv, der Kurs beginnt nun zu klettern. Die
Einführung wird vermutlich langsamer vonstatten gehen (aus
Gründen, die ich gleich aufzeigen werde) als geplant. So wird
die Kurserholung vielleicht auch nicht wenige Tage, sondern
wenige Wochen in Anspruch nehmen.

Setzen wir einmal unsere Finanzmarktbrille auf, die alles außer
Geld und Macht ausblendet, um die Situation zu analysieren. Ich
bin zu folgendem Ergebnis gekommen: Einziger Profiteur der
hohen Super-Benzinpreise ist die Mineralölwirtschaft. Doch
welchen Anreiz hat die Politik der Mineralölwirtschaft gegeben,
die E10-Einführung zu unterstützen, durch die Ölkonzerne 10%
weniger von ihrem Benzin verkaufen und zusätzlich Bioethanol zu
einem politisch gemachten Preis zukaufen müssen? Warum also
sollte die Mineralölwirtschaft mit Begeisterung für E10
eintreten?

Nun, sie hat es eben auch nicht getan. Das Umweltministerium
hat es getan und hat sogar mit dem ADAC eine
Aufklärungskampagne gestartet. Diese lief jedoch an den
Tankstellen vorbei und erreichte somit nicht ihr Ziel. Das
Bitten des Umweltministeriums, die Informationen an den
Tankstellen auszulegen, lief ins Leere. Welches Druckmittel
hatte es? Keines.

Welches Interesse hatte der ADAC, möglichst einfach und schnell
Klarheit zu schaffen? Eigentlich auch keines, denn in der
Position des größten unabhängigen Aufklärers für Autofahrer
kommt es dem ADAC nur gelegen, wenn der deutsche Autofahrer
händeringend nach verlässlichen Informationen sucht. Das ist
öffentlichkeitswirksam und eine leichte Möglichkeit, sich am
heutigen Tage als verlässliche Informationsquelle zu
profilieren.

Hätte Umweltminister Röttgen also Alarm schlagen müssen? Ich
denke schon. Nun sind Umweltministerium und Mineralölwirtschaft
traditionell nicht die besten Freunde, im Gegenteil. So war es
von Wirtschaftsminister Brüderle nicht nur politisch geschickt,
sondern vielleicht auch sinnvoll, die Federführung für den
Benzingipfel zu übernehmen. Ein einleitender Satz wie „Liebe
Ölkonzerne, bitte verarscht meinen Freund und Ministerkollegen
aus dem Umweltministerium nicht, sonst werde ich
ungemütlich…“ hat vermutlich schon gereicht, um die Einigkeit
aller Beteiligten zu erzeugen.

Was ist eigentlich das Interesse der Automobilkonzerne? Sie
wurden im Vorfeld gedrängt, ihre Motoren für die E10-
Tauglichkeit vorzubereiten, und nun müssen sie sogar eine
Garantie dafür aussprechen. Dadurch stehen sie nun in der
Pflicht, für die Tauglichkeit der zugelassenen Motoren gerade
zu stehen. Und dort, wo sie die Tauglichkeit nicht bescheinigt
haben, dürfen sie sich auf erboste Briefe ihrer Kunden freuen.
Auch Ihr Autor ist ziemlich überrascht, dass sein VW-Golf mit
„modernem“ FSI-Motor nicht E10-tauglich ist.

Doch ein bisschen in Schutz nehmen muss ich dennoch alle
Beteiligten, denn das Verhalten der deutschen Autofahrer ist,
wenn auch nicht überraschend, so doch zumindest untypisch im
europäischen Vergleich. In Deutschland ist Aldi groß geworden,
weil der Deutsche beim täglichen Einkaufen ein paar Euro
(damals Mark) sparen konnte. Die Schulmedizin steht in
Deutschland mit den Naturheilkundlern auf Kriegsfuß, und so
konnte das Handy seinen Siegeszug in Deutschland vollziehen,
ohne dass wissenschaftliche Studien glaubwürdig die
Unbedenklichkeit der Strahlung belegt hatten.

Für das Stillen von Neugeborenen wurde unlängst von der
Schulmedizin die empfohlene Zeit von 6 auf 4 Monate reduziert,
obwohl zu verfrühte Fütterung mit Milchprodukten später
Allergien fördert, wie Naturheilkundler seit langem behaupten.
Dennoch stillen die meisten Mütter nunmehr schon nach vier
Monaten ab (wenngleich sodann „hypoallergene“ Milchprodukte
genommen werden, die also nicht die negativen Wirkungen
enthalten). Bei Schnullern wie auch in den Plastikflaschen sind
noch immer Weichmacher, die auf Dauer zu Gesundheitsschäden
führen können. Doch auch hier greifen die Deutschen eher zu den
günstigen Produkten, als die unbedenklichen, dafür aber
teureren Lösungen zu akzeptieren.

Doch beim Auto, da wird im Zweifel lieber Super Plus getankt,
damit der Motor ja keinen Schaden nimmt. Musste die Politik mit
einem solchen Verhalten rechnen? Nun, wer Deutschland einmal
von außen betrachtet hat, der würde sagen: Ja.

So wird es wohl noch einige Wochen dauern, bis E10
flächendeckend eingeführt ist. In dieser Zeit wird sich die
Boulevardpresse immer wieder zu Wort melden mit Artikeln wie
„Brot für unsere Autos“ oder „Brandrodung im Amazonas für E10“,
obwohl 90% des Bioethanols in Europa hergestellt werden und
obwohl solche reißerischen Artikel einzelne Detailprobleme zur
Massenhysterie heraufkochen, dabei aber die grundsätzlichen
Vorteile des Bioethanols vertuschen.

Update 22.3.: Die zu erwartende Hungersnot wird den Druck gegen E10 weiter erhöhen, CropEnergies daher unter Druck. Zu Unrecht, wie ich noch immer meine, denn CropEnergies ist voll ausgelastet und lediglich die Preisentwicklung wird den Gewinn beeinflussen – nicht die Entscheidung ob E10 oder ob nicht. Und die Preisentwicklung zeigt nach der Japan-Katastrophe um so mehr nach oben.

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