Bayer leidet unter Glyphosat, Monsanto-Strafe wiegt schwer

Bayer Monsanto Glyphosat Urteil
Know-how, Erfahrung und hochwertige Produkte für Landwirte rund um den Globus: Bayer-Mitarbeiter Bui Van Kip (rechts) und Reisbauer Phan Minh Phat prüfen Reispflanzen auf einem Feld im Bezirk Tan Tru (Vietnam).
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Es ist nun genau das eingetreten, vor dem viele Bayer-Aktionäre Angst hatten, als CEO Werner Baumann ankündigte, den US-Agrarkonzern Monsanto für 55 Mrd. EUR zu kaufen: Mosanto wurde zu einer Strafe in Höhe von 250 Mio. EUR verurteilt, die an einen krebserkrankten Gärtner zu zahlen sind. Das kalifornische Gericht hielt es für erwiesen, dass Glyphosat die Krebserkrankung verursacht hat.

Bayer hat daraufhin 17% seines Börsenwertes verloren, schlappe 15 Mrd. Euro. Nicht weil das Unternehmen 250 Mio. Euro zahlen muss, sondern weil nun die Tür offen steht für unzählige weitere Klagen. Bayer hat bereits Berufung eingelegt und akzeptiert das Urteil nicht.

Mich haben nun einige Leser gefragt, ob die Bayer-Aktie nun ein Kauf sei oder nicht. Um das zu beurteilen, müssen wir uns ein wenig mit dem Thema Glyphosat auseinandersetzen.

Glyphosat ist ein Unkrautvernichter, der in den 50er Jahren entwickelt und seit den 70er Jahren von Monsanto unter dem Namen Roundup verkauft wird. Das Unkrautvernichtungsmittel hemmt, wenn es auf Pflanzen gespritzt wird, das Wachstum und binnen weniger Tage sterben die entsprechend behandelten Pflanzen ab. Gehemmt wird ein Wachstumsprozess, der nur bei Grünpflanzen vorkommt, daher gilt das Zeug für den Menschen als unschädlich.

Glyphosat macht übrigens keinen Unterschied zwischen Unkraut und Nutzpflanzen. Daher verwenden es Bauern in Deutschland nur zur Vor- und Nachbereitung der Felder, nicht aber während der Anbauphase, denn das Zeug würde eben so ziemlich alles vernichten. Es ist ein sogenanntes „Totalherbizid“.

Monsanto hat nun einen Mais gentechnisch so verändert, dass er gegen Glyphosat resistent ist. Im Verkauf dieses Mais liegt nun das große Geschäft für Monsanto. Bauern, die diesen Mais verwenden, können vor, während und nach der Anbauphase durch das einfache Versprühen von Roundup eine gute Ernte einfahren.

Weltweit werden derzeit 1,3 Mio. Tonnen Glyphosat jährlich eingesetzt, in Deutschland sind es 60.000 Tonnen. Mir fällt bei solchen Überlegungen immer das Liebig-Zitat aus Heinz Rühmanns Feuerzangenbowle ein: „Wer es schafft, zwei Halme wachsen zu lassen, wo vorher nur ein Halm wuchs, der ist größer als der größte Feldherr.“ Monsanto ist in diesem Sinne „größer“. Ein befreundeter Landwirt von mir bestätigte mir, dass ohne Glyphosat ein großer Teil der weltweiten Ernährung unmittelbar zusammenbrechen würde.

Doch die Dosis macht das Gift: Was über Jahrzehnte unbedenklich galt, wurde im Jahr 2015 plötzlich durch die Weltgesundheitsbehörde (WHO) in Frage gestellt. In einer Studie hat die Krebsforschung der WHO Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ bezeichnet. 2016 wurde dann hier in Deutschland Glyphosat in Bier, dann auch im Urin und in der Muttermilch nachgewiesen. Sehr geringe Mengen, lange nicht krebserregend, aber immerhin.

Ich würde die Kritik am Glyphosat wie folgt formulieren: Das Zeug ist kein natürliches Produkt und daher grün angehauchten Menschen zuwider. Zuerst beschwerten sich Bauern, deren Felder litten, weil der benachbarte Bauer mit genmanipuliertem Mais hantierte und Glyphosat so reichlich einsetzte, dass die eigene Ernte litt – man sprach von einem Zwang, ebenfalls auf teuren Monsanto-Mais umzusteigen. Danach kam die Angst vor Krebs auf, die diese Woche erstmals durch ein Gericht anerkannt wurde. Als Drittes regt sich nun der Widerstand gegen den breiten Einsatz von Glyphosat, dem Totalvernichter, weil dessen Anwendung sterile Felder zur Folge hat, in denen keine natürliche Lebensweise mehr möglich ist: Bienensterben, überhaupt das Artensterben auf unserer Erde werden inzwischen mit dem exzessiven Einsatz von Glyphosat in Verbindung gebracht.

Ich habe vor vielen Jahren Monsanto einmal analysiert und habe das Unternehmen links liegen lassen, weil ich die Tragweite der Vorwürfe nicht überschauen konnte. Ich habe jetzt nochmals nachgelesen, wie ich mich zur Übernahme Monsanto durch Bayer gestellt habe: „Zum Scheitern verurteilt“ war meine Meinung, die ich im Oktober 2016 bereits veröffentlichte (https://www.heibel-ticker.de/heibel_tickers/1301). Nun, es hat 55 Mrd. Euro gekostet und 2 Jahre gedauert, bis nun auch Werner Baumann an seiner Mega-Übernahme zweifeln dürfte.

Mag sein, dass Bayer in der Berufung Recht bekommt und die 250 Mio. Euro Entschädigung nicht zahlen muss. Doch das Unternehmen wird überzogen mit weiteren Klagen. Es wird weitere Studien geben, die sich mit den Gefahren von Roundup beschäftigen und wenn ich mir anschaue, dass 1,3 Mio. Tonnen davon jährlich verwendet werden, ein künstlich erzeugtes Produkt, dann wird es meiner Einschätzung nach irgendwann gelingen, schädliche Einflüsse nachzuweisen: Die Dosis macht das Gift.

Doch das schwerste Argument in meinen Augen ist das Artensterben, das leicht nachvollziehbar ist. Wie weit darf der Mensch seine Umwelt sterilisieren, sich Untertan machen, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen? Verwandeln wir die Erde in ein Labor? Oder gestehen wir den Tieren und Pflanzen ihre Freiräume, ihre Wildnis zu? Mag sein, dass diese Frage derzeit noch überzogen klingt. Doch wenn ich mir die Wachstumsgeschwindigkeit der Weltbevölkerung anschaue, dann könnte dieses Thema schon bald auf die Tagesordnung kommen.

Bayer wird an Glyphosat nicht Pleite gehen. Doch die Übernahme von Monsanto war teuer und wird meiner Einschätzung nach noch teurer werden. Seit Oktober 2016 war die Aktie von Bayer von 90 auf zwischenzeitlich 120 Euro gestiegen. Seither war die Aktie wieder auf 90 Euro zurückgekommen, nach dem überraschenden Urteil Anfang der Woche ist die Aktie nun auf 80 Euro gefallen.

Das KGV 2019e vom konsolidierten Unternehmen Bayer Monsanto wird bei 12 erwartet. Die Dividendenrendite bleibt bei rund 3%. Analysten erwarten für Bayer ein Gewinnwachstum von 7% p.a. in den kommenden fünf Jahren. Damit ist die Aktie in meinen Augen fair bis sogar günstig bewertet. Vor dem Hintergrund der soliden globalen Konjunktur ist auch ein höheres Bewertungsniveau zu rechtfertigen.

Bayer ist für viele eine Ankerposition in einem langfristig orientierten Portfolio. Ich würde daher Bayer derzeit nicht kaufen, die Aktie ist kurzfristig zu stark ausverkauft worden. Doch in der Zukunft wird Bayer nun immer wieder negative Schlagzeilen erhalten, die Aktie wird es schwer haben, ein höheres Bewertungsniveau zu rechtfertigen. Wer Bayer im Depot hat, der sollte sich meiner Ansicht nach perspektivisch, ohne Hast, eine Alternative suchen. BASF ist da deutlich konservativer unterwegs.

Hi I'am Stephan Heibel

Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs

http://www.heibel-ticker.de

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