Einfluss der Ratingagenturen auf die Finanzmärkte

 

Hallo Herr Heibel,

vielen Dank für die wertvolle Information zur Italienkrise. Mich würde interessieren, ob es nur die Gerüchte sind zusammen mit den Leerkäufen und CDS. Welche Rolle spielen die Ratingagenturen? War es nicht so, dass in der Finanzkrise eine der Ratingagenturen (Moodys?) behauptet hat, dass die Super-Bewertung der Immobilienderivate ein Rechenfehler des Computerprogramms war? Werden die Ratingagenturen durch die Finanzspekulationen zu ihrer Herabstufung gezwungen, oder treten sie diese los, oder war die Herabstufung ein unabhängiges Ereignis. Sind die Ratingagenturen eigentlich neutral oder können sie von Interessengruppen beeinflusst werden, bestimmte Aussagen zu machen, die den Finanzmarkt dann so oder so bewegen? Vielleicht können Sie das Thema in Ihrem nächsten Ticker einmal beleuchten.

Viele Grüße, Jochen aus Windeby

ANTWORT:

Hui, das ist ja eine ganze Liste von Fragen – die Antworten sind nicht leicht und sicherlich nicht eindeutig sondern spiegeln nur meine Meinung wider. Ich denke, der Kern Ihrer Fragen ist: Folgen die Ratingagenturen den Geschehnissen oder machen sie die Geschehnisse?

Die Antwort darauf ist eindeutig: Ratingagenturen warten nicht mehr bis „nach“ der Finanzkrise, bis sie die entsprechenden Banken abwerten, sondern stufen nun die Länder „mitten in der Krise“ ab. Von einer guten Ratingagentur hätte ich erwartet, dass sie vor zwei Jahren auf die aufkeimenden Probleme hingewiesen hätte.  Das ist nicht geschehen und die Aufgabe der Ratingagenturen bleibt aus diesem Grund in meinen Augen höchst fragwürdig. Wie oft haben Sie mich schon im Heibel-Ticker in den letzten 10 Jahren argumentieren sehen, dass die Ratingagenturen ein bestimmtes Urteil gefällt hätten…? Ich glaube höchstens am Rande ein- oder zweimal.  Für meine Analysen sind deren Einschätzungen unbedeutend.

In der Finanzkrise hat man die Ratingagenturen zum Buhmann gemacht, sie hätten zu spät auf die Probleme aufmerksam gemacht. Die eine oder andere Bank ist insolvent gegangen und trug noch immer eine sehr hohe Bonitätseinstufung verschiedener Ratingagenturen. Damit dies nun nicht mit den Ländern passiert sind die Ratingagenturen erpicht, Wackelkandidaten schnell abzustufen. Wer soll es ihnen verübeln?

Ja, es gibt Leerverkäufe und Spekulationen in Kreditausfallversicherungen für Griechenland, Portugal, Irland, Italien, (Belgien, Spanien, …?) und diese Spekulationen erzeugen keine Schieflage der Staatsfinanzen, sie decken sie jedoch gnadenlos auf, so dass eine seichte Korrektur kaum mehr möglich ist. Italien muss sich nun wirklich beeilen mit einem überzeugenden Sparprogramm, um den Spekulanten den Nährboden zu entziehen. Italien ist derzeit noch solide Finanziert, hat lang laufende Kredite und dadurch wenig Refinanzierungsbedarf. Aber die Höhe der Staatsschulden (120% des BIP) ist kritisch und daher muss das Land kräftig sparen. Anders als in Griechenland kann dies in Italien meines Erachtens noch funktionieren.

Erst nach diesen Ereignissen können wir also nun betrachten, ob die Herabstufungen durch die Spekulanten erzeugt werden oder nicht. Ich denke, die Herabstufungen werden beschleunigt. Und ohne die Beschleunigung (das Aufdecken der Schieflage) hätte das Land noch die Möglichkeit gehabt, sich zu günstigen Zinsen zu refinanzieren sowie ein Sparprogramm aufzulegen und die Schieflage damit zu mildern. Diese Gnadenfrist wird durch die Spekulanten weggenommen und das kann man ihnen zum Vorwurf machen.

{weiter[40|9]}

Hi I'am Stephan Heibel

Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs

http://www.heibel-ticker.de

Leave Your Comments

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.