Wirecard: Gefährliches Geschäftsmodell

Am Donnerstag dieser Woche wird Wirecard seine Hauptversammlung abhalten. Die Aktie ist seit Jahresbeginn um knapp 20% gefallen und immer wieder kommen neue Vorwürfe über windige Geschäftspraktiken auf. Grund genug, um sich einmal im Detail mit dem Unternehmen zu befassen.

6-Monatschart Wirecard

Wirecard bietet die Zahlungsabwicklung über das Internet an. Die Abwicklung ist denkbar einfach und so gewinnt Wirecard kontinuierlich neue Kunden hinzu. Einer der Vorwürfe gegenüber Wirecard ist, dass diese Neukunden häufig aus dem Bereich der Schmuddelgeschäfte (was legal ist) sowie auch aus dem Online-Gaming (was in Deutschland und den USA illegal ist) kommen würden.
Eine offizielle Kundenaufschlüsselung gibt es natürlich nicht.

Vor einigen Wochen kursierte ein Brief von Mastercard im Internet, in dem Wirecard die Nichtbeachtung bestimmter Vorschriften vorgeworfen wurde. Der Brief ist inzwischen nicht mehr zu finden, und es gibt eine Reihe von Veröffentlichungen, die von einer Fälschung ausgehen. Seitens Mastercard gibt es jedoch kein Dementi, sondern lediglich die Standard-Aussage, dass zu laufenden Verfahren keine Aussagen gemacht werden. Der Brief war auf den Anfang dieses Jahres datiert (27. Januar 2010) und ich würde  aufgrund des ausbleibenden Dementis seitens Mastercard vermuten, dass entsprechende Ermittlungen bis heute noch am Laufen sind.

Ich weiß nicht, welche Vorschriften den Vorwürfen zufolge Wirecard im Speziellen nicht beachtet haben soll. Allerdings habe ich mir die verfügbaren Mosaiksteinchen an Informationen zurechtgelegt und habe eine Vermutung, die ich hier formulieren möchte.

Wirecard bietet die Zahlungsabwicklung über das Internet an und kann gleichzeitig mit einer Banklizenz aufwarten. Damit kann Wirecard direkt mit Mastercard und Visa internationale Transaktionen abrechnen. Für diese Abwicklung wird seitens Mastercard und Visa stets eine Sicherheitsleistung in Abhängigkeit vom Volumen sowie von der Art der Zahlung eingefordert. Diese Sicherheitsleistung wird in Abhängigkeit vom Risiko eines Zahlungsausfalls immer höher.

„Spielschulden sind Ehrenschulden“ lautet ein Sprichwort – dennoch ist bei Zahlungsverpflichtungen, die aus Online-Spielen entstehen, die Zahlungsmoral wesentlich schlechter als bei einem Online-Kauf eines Babybettes oder von Kleidung. So ist die Sicherheitsleistung bei Spieltransaktionen um ein Vielfaches höher als beim vermeintlich sicheren Online-Kauf.

Ein Analyst hat die Transaktionsmarge von Wirecard mit der Transaktionsmarge eines Wettbewerbers (Cybersource) verglichen und festgestellt, dass Wirecard die zehnfache Transaktionsmarge realisiert. Wirecard gibt an, dass es durch die eigene Banklizenz  einen viel größeren Anteil an der Wertschöpfungskette hat und daher so gute Margen erzielen kann. Cybersource hat keine Banklizenz. Hätte Cybersource eine Banklizenz, so würden für diesen Teil des Geschäftes ebenfalls Transaktionsmargen von über 2% erzielt werden, so zitiert der Analyst Cybersource. Es bleibt dabei nun die offene frage, wie Wirecard eine durchschnittliche Transaktionsmarge von 2,15% erzielen kann, wenn ein Anteil der Transaktionen, die Wirecard für seine Kunden durchführt lediglich die geringmargige Zahlungsabwicklung betrifft.

Nun, ich will hier nicht den Richter spielen, dazu liegen mir zu wenige Informationen vor. Die Kunden von Wirecard werden sicherlich nicht freiwillig zu teureren Angeboten greifen, dafür wird es einen Grund geben. Und aufgrund des Vertrauensverhältnisses zwischen den Kunden und Wirecard lässt sich ein kleiner Margenaufschlag rechtfertigen. Das klingt für mich eher wie eine Marge, die auf den Graumärkten üblich ist.

Es wäre eine Erklärung für die hohe Transaktionsmarge von Wirecard, würde jedoch gleichzeitig den Vorwurf fragwürdiger Geschäfte bedeuten. Wie eingangs gesagt, mir liegen nicht ausreichend Informationen vor, um mir eine Meinung zu bilden. Ich würde jedoch vor der Hauptversammlung am kommenden Donnerstag vorsichtig mit dieser Aktie umgehen, denn es wäre nicht das erste Mal, dass Aktionäre eine Hauptversammlung nutzen, um gezielt Informationen zu bestimmten Vorfällen einzuholen. Und entweder das Management liefert umfangreiche Antworten, was es in den vergangenen Monaten schuldig blieb, oder Anleger werden das Schweigen oder Ausweichen des Managements als indirekte Bestätigung der Vorwürfe werten und die Aktien ausverkaufen.

Das Management ist nicht bekannt dafür, umfangreiche Informationen offen zu legen. Ich erwarte also kaum neue Erkenntnisse hinsichtlich dieser Vorwürfe und Gerüchte. Also würde ich als Anleger vorsichtig bleiben und die Aktie meiden.{weiter[40|9]}

Hi I'am Stephan Heibel

Herausgeber des Heibel-Ticker Börsenbriefs

http://www.heibel-ticker.de

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